Tante Emma gibt auf

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Dreieinhalb Jahre hat Lindy Brunner ums wirtschaftliche Überleben gekämpft, nun gibt sie auf. „Lindys Lädchen“ am Dickenberg schließt Ende Juli. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Tristesse in „Lindys Lädchen“ am Krummenscheider Weg, Dickenberg. Das Ende ist schon spürbar. Hinter dem Regal mit den letzten „Ja“-Artikeln und einer übriggebliebenen Plastikflasche Sonnenblumenöl lagert ein Stapel Winterreifen, daneben allerlei Kleinkram aus der Garage. „Die musste ich schon aufgeben“, sagt Lindy Brunner. „Sind ja immerhin auch 40 Euro im Monat.“ Aber es reicht nicht. „Leider werde ich am 31.7.2011 meinen Laden schließen“, steht auf dem Schild, das Lindy Brunner ins Schaufenster geklebt hat.

Das Ende des Tante-Emma-Ladens an Lüdenscheids nördlichem Zipfel trifft die Inhaberin mit Wucht, aber nicht unerwartet. Vor genau zwei Jahren stöhnte sie – die LN berichteten – über 50-prozentige Umsatzverluste, als viele Kunden wegen monatelanger Straßenbauarbeiten einen Bogen um ihren Laden machten. Als die Baumaschinen endlich weg waren, hielt die Durststrecke an.

„Seit vergangenem Jahr haben sich die Umsätze noch einmal halbiert“, sagt die 38-Jährige. Frisches Obst und Gemüse kauft sie kaum noch ein, „höchstens auf Bestellung“. Das Zigarettenregal ist leer und wird auch nicht wieder aufgefüllt. „Das lohnt sich nicht.“ Auch der letzte Klimmzug, eine Kooperation mit der Post, für die „Lindys Lädchen“ seit ein paar Monaten als Partnerfiliale fungiert, hat nichts mehr gebracht. „Höchstens 150 Euro im Monat, und davon muss ich der Post noch was abgeben.“ Nach dreieinhalb Jahren, in denen nur die Schulden angewachsen sind, zieht Lindy Brunner nun die Notbremse.

Ob ihr Geschäft für den kleinen Einkauf zu teuer ist, ob die Stammkundschaft überaltert oder zum Teil gestorben ist oder ob der Dickenberg als Wohngebiet nicht mehr attraktiv ist – genau weiß „Tante Emma“ es nicht. „Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Sicher ist, dass es in den Mietshäusern immer mehr Leerstände gibt.“

Das sieht ihr Nachbar, Kosta Tsapakidis in seinem Imbiss „Der Sattmacher“ schräg gegenüber, anders. „Die Menschen haben einfach immer weniger Geld“, meint er. Und hadert immer noch mit den Folgen des Straßenbaus. „Bei mir kann keiner mehr parken, die Gäste bleiben weg.“ An Schließung denkt Tsapakidis noch nicht. Er klingt trotzig. „Ich mache weiter, so lange ich gesund bin.“

Lindy Brunners Trotz ist verebbt. Ab Mitte Juli ist Ausverkauf, alles für die Hälfte. Und dann? Auf dem Schild im Schaufenster steht: „Ich suche einen Job, wenn jemand einen Vorschlag hat oder einen Job, sagt Bescheid.“

Olaf Moos

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