Sühne für Unfall: 80 Sozialstunden

Die Kawasaki des Täters – ein Schrotthaufen. J Foto: Hesse

Lüdenscheid - Ein 19-Jähriger schraubt in der Garage an seiner Kawasaki. „Um mir ein Ziel zu setzen“, erklärt er dem Richter. Das Ziel heißt: Den Führerschein wiedererlangen, den er wegen einer Drogenfahrt verloren hat. Damit er wieder Gas geben kann. Aber der junge Bauarbeiter wird schwach.

Am 1. Oktober, 15.15 Uhr, rast er, hinter einem Kumpel, stadteinwärts wie ein Verrückter über die Talstraße, verliert die Kontrolle über die schwere Maschine und gerät in Höhe des Freibades in den Gegenverkehr. Ein älteres Ehepaar in einem Audi wird verletzt und ins Klinikum gebracht. Der Täter flieht. Vier Stunden später stellt er sich der Polizei. Die Anklage lautet auf fahrlässige Körperverletzung in Tateinheit mit Fahren ohne Fahrerlaubnis sowie unter Drogeneinfluss, außerdem Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz und Unfallflucht.

Strafrichter Peter Alte liest dem Jungen die Leviten. „Ich hoffe, Sie sehen ein, in welche Gefahr Sie sich und andere Menschen gebracht haben.“ Der Angeklagte sitzt blass neben Strafverteidiger Franz-Günter Heß und nickt stumm. Ihm schwant wohl, was kommen wird. Er kennt den Laden. Neun Einträge stehen im Vorstrafenregister.

Einiges bleibt unklar in diesem Prozess. Zum Beispiel, ob der 19-Jährige vor der verbotenen Fahrt gekifft hat. Er sagt: „Nein, erst nach dem Unfall, bevor ich zur Polizei gegangen bin.“ Das Gegenteil ist nicht zu beweisen. Offen auch die Frage, wie er geflohen ist. Er sagt: „Zu Fuß, über die Hohfuhrstraße.“ Der Audi-Fahrer sagt: „Ich sah, wie er auf ein Motorrad aufstieg, dass in Richtung Brügge unterwegs war.“ Der Kumpel als Fluchthelfer? Kopfschütteln beim Angeklagten.

Die Gattin des Audi-Fahrers bricht in Tränen aus, als sie das Geschehen schildert. Sie berichtet über Schmerzen, Airbags, Atemnot und Schock – und ihre Angst um den Täter. „Wir dachten, er wäre schwerstverletzt. Das war unsere größte Sorge.“ Der Angeklagte sagt: „Es tut mir von Herzen leid, dass ich Sie in Mitleidenschaft gezogen habe.“ Die Zeugin: „Auf diese Worte haben wir gewartet.“

Oberamtsanwalt Lehmann gesteht dem Angeklagten „jugendtypische Züge“ zu und plädiert für die Anwendung des Jugendrechts. Richter Alte urteilt: 80 Sozialstunden und noch ein Jahr Führerschein-Sperre. Die Versicherung des Ehepaares wird sich noch bei dem Verurteilten melden. Sie hat den Schaden mit 14 000 Euro gedeckt.

Von Olaf Moos

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