Sicherheit

Stückwerk Hochwasserschutz im MK: 100-prozentiger Schutz? „Von diesem Gedanken müssen wir uns verabschieden.“

Steinquader mit dem Gewicht von einer Tonne wurden an der Altenaer Straße in Lüdenscheid in der Rahmede mitgerissen. Durch Retentionsmaßnahmen soll die Fließgeschwindigkeit der Flüsse in Lüdenscheid und Umgebung reduziert werden, um solche Schäden in Zukunft zu vermeiden.
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Steinquader mit dem Gewicht von einer Tonne wurden an der Altenaer Straße in der Rahmede mitgerissen. Durch Retentionsmaßnahmen soll die Fließgeschwindigkeit der Flüsse in Lüdenscheid und Umgebung reduziert werden, um solche Schäden in Zukunft zu vermeiden.

Die Hochwasser-Katastrophe Mitte Juli hat Spuren hinterlassen, die längst noch nicht alle beseitigt sind. Viele Menschen bauen ihre Häuser, ihre Existenzen, ihr Leben wieder an dem Ort auf, den der Starkregen verwüstet hat.

Lüdenscheid – Dort wollen sie in Zukunft sicher vor weiteren Fluten sein. Diese Sicherheit zu gewährleisten, fällt größtenteils dem Stadtentwässerungsbetrieb Lüdenscheid Herscheid (SELH) zu, der sich für die Aufgabe – bis zu einem gewissen Grad – gerüstet sieht.

18 Stunden Dauerregen

Warum die Dimensionen des Hochwassers, das den Lüdenscheider Ortsteil Brügge am heftigsten getroffen hat, auch für die Experten des SELH schwer vorstellbar waren, erläutert der Technische Vorstand Volker Neumann in der Sitzung des Verwaltungsrates am Dienstag. „Insgesamt fielen etwa 150 Liter Niederschlag auf einen Quadratmeter – über einen Zeitraum von 18 Stunden.“ In Lüdenscheid fiel damit mehr Niederschlag als bei einem statistischen Jahrhundertereignis (HQ100), die zweithöchste Stufe im Bewertungssystem der Wetterdienste.

Die Schäden seien am Ende aber geringer ausgefallen als zuvor befürchtet: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, resümiert Neumann. Mittlerweile seien die Schäden behoben worden, die in den Aufgabenbereich des SELH fallen. Damit sei der Fokus wieder komplett darauf ausgerichtet, zukünftige Flutkatastrophen zu verhindern.

Seit etwa eineinhalb Jahren haben die SELH-Mitarbeiter Daten gesammelt und „wunde“ Punkte im Wasserlauf dokumentiert. Das Ergebnis ist ein Niederschlag-Abfluss-Modell (NAM), mit dessen Hilfe nicht nur die Schwachpunkte angezeigt werden, sondern auch die Wirkung von Schutzmaßnahmen berechnet werden kann.

Dass der SELH das Schneeschmelzbecken an der Altenaer Straße in Zukunft als Rückhaltebecken nutzt und ein zweites Rückhaltebecken am Wislader Weg entstehen soll, war bereits bekannt. Neumann bestätigte am Dienstag, dass Verhandlungen mit einem Unternehmer geführt werden, um ein weiteres Rückhaltebecken zur Hochwasserprävention nutzen zu können. „Fixiert ist das Geschäft aber noch nicht“, sagt der SELH-Vorstand.

Speicher für 16,3 Millionen Liter

Wenn alle drei Becken zur Verfügung stehen, können insgesamt 16 300 Kubikmeter (16,3 Millionen Liter) Wasser zeitweise aus den Flüssen genommen und nach einem Starkregen dosiert wieder abgelassen werden. Das Prinzip dieser Retentionsmaßnahmen gleicht der einer Badewanne mit gezogenem Stöpsel. „Im Rückhaltebecken sammelt sich das Wasser, aber durch den Abfluss fließt es weiter konstant in den Fluss“, erklärt Neumann. Probleme gebe es erst, wenn der Regen lange andauert: „Irgendwann ist die Wanne voll und läuft über.“

Für den Oberlauf der Rahmede stellt der SELH-Vorstand folgende Rechnung auf: Der Fluss hat unter permanentem Starkregen eine Fließgeschwindigkeit von etwa 26 Kubikmetern pro Sekunde. „Durch die drei Rückhaltebecken können wir den Wert auf 16 Kubikmeter pro Sekunde senken – also um 40 Prozent“, sagt Neumann. Wie lange diese „Geschwindigkeitsreduzierung“ hält – wann die Wanne überläuft – sei schwer zu sagen und unmöglich zu planen.

Außerdem sei es mit den drei Maßnahmen nicht getan. „Der Regen fällt nicht nur an der Quelle, sondern auch im weiteren Verlauf bis zur Lenne.“ Daher seien weitere Retentionsmaßnahmen auf der Strecke zur Flussmündung notwendig, sagt Neumann. „Durch die Bebauung gibt es einige Gebiete, in denen es besonders schwer wird, weitere Rückhaltebecken anzulegen. „Das ist für uns eine große Herausforderung.“ Kreative Lösungen mit den Anliegern müssten gefunden werden.

Durch Retentionsmaßnahmen sollen Überflutungen – hier an der Altenaer Straße – nach Starkregenfällen vermieden oder zumindest stark abgeschwächt werden.

In Zukunft sei es notwendig, Retentionsmaßnahmen in die Städteplanung mit einfließen zu lassen – und die Rückhaltebecken werden nicht viel zu einem schöneren Stadtbild mit einer Wasserfläche beitragen können: „Die Rückhalteflächen dürfen nicht befüllt sein. Das ist vom Regelwerk vorgeschrieben.“ Der Grund: Es sei bei einem Hochwasser-Ereignis nicht möglich, den genauen Ort vorherzusagen. Somit müssten die Becken jederzeit zur Verfügung stehen. „Deshalb müssen sie leer sein.“

Wenn genug Platz vorhanden ist, ließen sich Hochwasserprävention und Umweltverschönerung in einer Renaturierung verbinden. „Eine solche Maßnahme kann zu einem besseren Schutz gegen Überflutungen führen.“ Dies sei aber nicht immer der Fall, da eine große Auslauffläche die Fließgeschwindigkeit nicht zwingend verringert. „Neben der Größe ist die richtige Stelle das Entscheidende“, erklärt Neumann. Werde das Wasser nicht „badewannenartig“ abgelassen, dehnt es sich nur aus und fließt ungebremst weiter.

Wichtig sei auch die Absprache mit anderen Kommunen, denn manche Baumaßnahmen wirken nur auf den ersten Blick wie ein effektiver Hochwasserschutz und verschieben das Problem nicht nur flussabwärts, sondern verschlimmern es noch für die dortigen Anwohner. „Eine Flutmauer hält vielleicht das Wasser aus meinem Keller fern, aber die Fließgeschwindigkeit wird durch eine Verengung maßgeblich erhöht“, warnt der SELH-Vorstand.

Die Hochwasser-Prävention sei daher auch nicht im Alleingang zu machen. Am Mittwoch trafen sich dazu auf Einladung der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer Mitarbeiter von Entwässerungsbetrieben, Kommunen sowie Anwohner und Firmeneigentümer. „Nur wenn alle zusammenarbeiten, kann es einen Hochwasserschutz geben, der die gesamte Region schützt.“

Doch Neumann weiß, dass es selbst bei optimaler Kooperation kein optimales Ergebnis geben kann, und mahnt: „100-prozentigen Hochwasserschutz kriegen wir nicht hin. Von diesem Gedanken müssen wir uns verabschieden.“

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