Ein Stück Lüdenscheider Einzelhandelsgeschichte schließt

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So kennt man ihn: Michael Vormann inmitten seiner Ware. Ein Bild, das bald der Vergangenheit angehört. Zu Weihnachten schließt der Mittsechziger sein Reformhaus an der Friedrichstraße.

Lüdenscheid – Niemals geht man so ganz. Was einst Trude Herr besang, mag auch für Michael Vormann gelten. Der Mittsechziger schließt zu Weihnachten sein Reformhaus an der Friedrichstraße – nach fast 34 Jahren.

Keine Frage – das Reformhaus Vormann war ein Stück Lüdenscheider Einzelhandelsgeschichte. Was bleibt sind Erinnerungen und Freunschaften. In Vormanns Worten: „Es war eine schöne Zeit, ich hatte tolle Kunden.“

Rückblende. 1986 übernehmen Michael Vormann und und seine Frau Marion – sie kommen aus Hagen und sind von Beruf eigentlich Lehrer – die beiden Lüdenscheider Vollmerhaus-Reformhäuser mit Sitz im City-Center und an der hinteren Knapper Straße. Zu dieser Zeit haben Reformhäuser – ähnlich wie die wenigen Bioläden – noch einen ganz speziellen Ruf. Vormann sagt es selbst: „Man hatte damals den Nimbus, für Alte und Kranke da zu sein.“ Weißmehl galt als verpönt, Alkohol erst recht.

Nach einer Zwischenetappe in der Kersting-Passage eröffnet Vormann 1998 schließlich an der Friedrichstraße 4 – dort, wo sich das Geschäft auch heute noch befindet. In der Folge kann er sich über Langeweile nicht beklagen. 60-Stunden-Wochen sind für ihn nicht ungewöhnlich. Dennoch bleibt Zeit zum privaten Plausch mit den Kunden. Nicht selten machen es sich Besucher bei einer Tasse Tee im Laden bequem. Vormanns Sicht: „Die Seele gehört dazu. Viele Kunden sind zu Freunden geworden. Ein Büro-Job und auch der Lehrer-Beruf waren letztlich nichts für mich.“

Fast unglaublich: Neben seiner Arbeit rund um den Laden ist Vormann auch noch als Zeitungsausträger in Hagen unterwegs. Seit 20 Jahren und in sechs Nächten in der Woche: „Diese Arbeit habe ich immer gerne gemacht, ich komme im Schnitt auf fünf Stunden Schlaf.“ Ans Aufhören denkt Vormann dabei auch nach Ende seines Händlerdaseins nicht: „Ich habe mal gerechnet – im Jahr 2022 bin ich als Zeitungsausträger dann 100 000 Kilometer gelaufen. Das entspricht zweieinhalb Mal um die Erde.“

Im Laufe der Zeit hat Vormann nicht nur seinen Geschäftsstandort gewechselt, auch die Kundschaft hat sich gewandelt. Zumindest teilweise. So kommen heute auch Wein- und Baguettefreunde ins Reformhaus. Oder Umweltbewusste. Und auch ethisch bewegte Veganer und Vegetarier. „Die Kunden kommen aus allen Schichten und Altersgruppen. Es ist eine gute Mischung“, sagt Vormann.

Warum hört einer wie Vormann, der für sein Metier brennt, fit und bei den Kunden beliebt ist, eigentlich auf? Antwort: „Meine Frau hat mir auf einem Zollstock mal gezeigt, wie viel Zeit abgelaufen ist – und wie viel gemeinsame Zeit uns statistisch gesehen noch bleibt. Die wollen wir nutzen.“

Die ganz großen Pläne hat Vormann dabei nicht. Das Motorrad, mit dem er einst auf Tour ging, ist längst verkauft: „Der Verkehr ist einfach zu hektisch geworden. Und gereist sind wir früher genug.“ Sein Fazit: „Ich habe eine tolle Frau, tolle Kinder und tolle Enkel. Ich bin zufrieden, so wie es ist.“

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