Ein neues Leben in Lüdenscheid

Studierter Tanzlehrer arbeitet als Müllmann: "An meinem ersten Tag hab ich geweint"

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Der tanzende Müllmann: Siggi Sartora

Lüdenscheid - Siggi Sartora hat studiert und arbeitet als Tanzlehrer. Seine Brötchen aber verdient er als Müllmann beim STL - eine ungewöhnliche Karriere. Sein Motto: "Wenn du was machst, mach‘ es ordentlich."

Auszuwandern, weg aus seiner Heimat Polen – für Zygmnut (Siggi) Satora war das eigentlich keine Option. Doch plötzlich blieben ihm davon nicht mehr viele, und inzwischen lebt der 32-Jährige seit fast sieben Jahren in Lüdenscheid. 

Gemeinsam mit seiner Freundin ist er hier „langsam richtig reingewachsen“, sagt er. Und obwohl sein Leben ganz anders verläuft als gedacht, ist er sicher: „So was wie ich machen bestimmt viele durch – und wenn man wirklich will, dann klappt das auch.“ 

Siggi Sartora hat in Polen studiert

Aber von vorne: Siggi Satora ist Müllmann. Und er ist Tänzer – Hip-Hop, ein bisschen Jazz, ein bisschen Funk und gerne Freestyle. Und Siggi Satora hat in Polen studiert. Für den Beruf des Sozialarbeiters, für die Politik und für Ämter, europaweit. 

Seinen Bachelor schloss er in Politikwissenschaften ab, Schwerpunkt soziale Dienste – „ich wollte immer schon mit Menschen arbeiten“. Daran angeschlossen hat er 2010 seinen Master in Europawissenschaften. „Das waren harte Jahre, ich habe viel dafür gelernt und nebenbei gejobbt, meistens nachts.“ 

Siggi Sartora in seiner Heimatstadt Lüdenscheid.

Doch trotz aller Mühe scheiterte er: „Ich habe in Polen damals einfach keinen Job gefunden, zu der Zeit war es dort sehr schwierig, ich kam einfach nicht durch.“ Und Breslau, wo er studiert hatte, wurde auf Dauer zu teuer: „Wir sind dann mehr in den ländlichen Raum gezogen, meine Freundin und ich, und haben einfach irgendwo gearbeitet.“ 

Neuer Plan wird in Polen geschmiedet

Doch der Verdienst war gering, „die Lebenskosten in Polen aber nicht“. Hinzu kam der Frust: „Ich hatte in Polen studiert und wollte das in Polen auch für meinen Beruf nutzen, aber ich bekam nur Absagen.“ Also musste ein neuer Plan her.

„Die Mutter meiner Freundin lebte bereits in Lüdenscheid und wir hatten die Option, zu ihr zu kommen und uns dann eine eigene Wohnung zu suchen“, sagt der 32-Jährige. Etwas Geld hatten sie bereits beiseite gelegt, „und deutsch hatte ich immerhin in der Schule“. Doch in Lüdenscheid galt: alles auf Anfang. 

"Ich musste so schnell wie möglich Geld verdienen"

„Wir mussten natürlich so schnell wie möglich Geld verdienen und erst mal die Sprache besser lernen – das dauert.“ Ein Job als Sozialarbeiter oder in der Politik kam daher vorerst nicht in Frage. „Aber das war auch ok, hier musste ich alles neu lernen – in Polen war ich enttäuscht, hier ist es in Ordnung, dass ich etwas anderes mache.“ 

2014 bekam er die erste feste Stelle

Über eine Zeitarbeitsagentur kam Satora an verschiedene Jobs, beim STL (Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb) schaffte er es 2014 auf eine feste Stelle. Zugegeben: „Die Entscheidung, als Müllmann zu arbeiten, fiel mir schwer. Ich dachte: ,Du hast so viele Jahre studiert!‘ An meinem ersten Tag habe ich sogar geweint. Aber dann habe ich meine Arbeitskleidung angezogen und legte los. Und das war gut! Es ist ein Knochenjob, aber er gibt mir Sicherheit. Ich bin dankbar für alles und mir wurde immer gesagt: ,Wenn du was machst, mach‘ es ordentlich.‘ – Und ich mache es ordentlich.“ 

In Lüdenscheid hat er das Tanzen wiederentdeckt

Eine große Leidenschaft hat Siggi Satora in Lüdenscheid sogar wiederentdeckt: das Tanzen. „Das ist für mich wie ein Grundbedürfnis, wie eine andere Welt“, die er nicht mehr aufgeben möchte. Mittlerweile unterrichtet er auch Gruppen in der Tanzschule Stadtmüller & Tegtmeyer. 

Und in Zukunft? „Da will ich mich hier weiterentwickeln“, sagt er energisch. „Es war schwer, es ist schwer – aber so ist das Leben. Und ich gebe hundert Prozent.“

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