Verfahren wird eingestellt

Brandgefährliche Konstruktion: Strom mit Lautsprecherkabel abgezapft

Symbolbild Justitia mit Waagschalen
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Wegen eines angeblichen Stromdiebstahls verurteilte das Amtsgericht einen 58-jährigen Lüdenscheider vor einigen Monaten zu einer Geldstrafe von 450 Euro.

Wegen eines angeblichen Stromdiebstahls verurteilte das Amtsgericht einen 58-jährigen Lüdenscheider vor einigen Monaten zu einer Geldstrafe von 450 Euro. „Wenn ich hier verurteilt werde, gehe ich in Berufung“, kündigte der Angeklagte in seinem Letzten Wort an. Er ließ seinen Worten Taten folgen.

Lüdenscheid – „Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die obskure Geschichte auch noch eine Kammer des Landgerichts beschäftigen wird“, stellte unsere Zeitung im damaligen Bericht fest. Und tatsächlich blieb der Angeklagte bei seiner Linie, dass er nicht für etwas bestraft werden dürfe, das er nicht getan habe. Doch Staatsanwalt und die Richter der Berufungskammer im Landgericht bewiesen nun die nötige Entschlusskraft, ein ziemlich unnötiges Strafverfahren „wegen Geringfügigkeit“ einzustellen. Das ging zügig, der Angeklagte freute sich – auch über eine neue Wohnung.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Fünf Zeugen, die bereits für die Berufungsverhandlung geladen waren, wurden kurzfristig wieder ausgeladen. Geschlagene zwei Stunden hatten sich Richterin und Staatsanwalt in einem Indizienprozess im Amtsgericht die Zähne an ein paar Kilowattstunden Strom ausgebissen. Der Angeklagte sollte diese vom 23. Dezember 2019 bis zum 2. Januar 2020 aus dem Allgemeinstrom eines Mehrfamilienhauses an der Sauerfelder Straße illegal entzogen haben. Am Ende stand die ziemlich wackelige Feststellung, dass nur der Angeklagte diesen Strom in diesem Zeitraum entnommen haben könnte.

Brandgefährliche Konstruktion: Strom mit Lautsprecherkabel abgezapft

Die Geschichte hinter dem angeblichen Stromklau war kompliziert: Der Angeklagte trug vor, dass sein Lebensgefährte im März 2019 verstorben war, mit dem er sich die Wohnung an der Sauerfelder Straße geteilt hatte. Daraufhin habe er sich um eine Weiternutzung seines Domizils bemüht, monatelang die Miete bezahlt und so ein eigenes Mietverhältnis begründet. Sein Vermieter habe diese Zahlungen „drei-, vier-, fünfmal angenommen“ und diesen rechtlichen Status dadurch quasi bestätigt.

Doch in der Folge habe der Vermieter ihn nur loswerden wollen und ihm einen eigenen Stromzähler verweigert. Der gelernte Elektriker löste das Problem durch ein Lautsprecherkabel, das aus seiner Wohnung durch den Hinterhof des Hauses bis in einen Kellerraum reichte. Dort habe er dann das Strom liefernde Kabel eines anderen Mieters angezapft, das dieser durch einen Versorgungsschacht in den Keller gelegt hatte. Der 58-Jährige verbuchte dieses Vorgehen als Nachbarschaftshilfe.

Brandgefährliche Konstruktion: Thema Gefahren auf der Agenda

Die Eigentumsrechte an dem entnommenen Strom waren das eine, doch Thema waren im Amtsgericht auch mögliche Gefahren, die von der Kabel-Konstruktion ausgingen. Ein Elektriker bezeichnete das Ganze als „brandgefährlich“. Das aber war kein Thema für das Strafrecht. Im Hinblick auf die Gesamtumstände äußerte der Elektriker im Zeugenstand sogar Verständnis für solche Solidarität: „Wenn die Mieter sich gegenseitig Strom zuschustern, dann ist das ja in Ordnung. Wenn die sich aushelfen, hat keiner was zu sagen.“ Selbst der Staatsanwalt streifte in seinem Plädoyer die Erkenntnis, dass Menschen in modernen Gesellschaften Strom brauchen.

Mit der Einstellung ist das unselige Verfahren gegen den streitbaren und redegewandten Angeklagten nun endgültig beendet.

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