„Strahlender Spinat, direkt aus Tschernobyl“

Friedrich-Wilhelm Giedinghagen stellte nach Tschernobyl die erhöhte Radioaktivität fest.

LÜDENSCHEID ▪ Als der Atomreaktor im ukrainischen Tschernobyl am 26. April, gestern vor 25 Jahren, in die Luft flog, ahnte noch tagelang niemand in Lüdenscheid, dass einige Tage später eine große Menge radioaktiver Partikel ins Sauerland gelangen würde.

Auch an den beiden folgenden Tagen hielt die Nachrichtensperre in der Sowjetunion. Erst am 29. April gab es einen ersten Hinweis, nachdem die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gemeldet hatte, dass einer der Atomreaktoren in Tschernobyl „beschädigt“ worden sei. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten längst riesige Mengen radioaktiver Teilchen, die in Skandinavien niedergingen, den noch existierenden eisernen Vorhang überflogen und Klartext über die Dimensionen des Unglücks und des kommenden Unheils gesprochen. Am 30. April bestimmte die „Katastrophe bei Kiew“ auch die Titelseite der LN, die den „größten anzunehmenden Unfall im Atomkraftwerk“ von allen verfügbaren Seiten beleuchtete. Naiv muten heute die abwiegelnden Bekundungen aus Bonn an: „Keine Gefahr für Bevölkerung der Bundesrepublik.“

Die radioaktiven Partikel aus der Ukraine hielten sich nicht an diese regierungsamtlich verordnete Gefahren-„Abwehr“. Ab dem Nachmittag des 1. Mai stellte Physiker und Zepp-Wetterstationsleiter Friedrich-Wilhelm Giedinghagen einen rasanten Anstieg der Radioaktivität am Staberg fest. Vom Abend des 1. Mai bis zum Mittag des 2. Mai registrierte Giedinghagen in der gemessenen Bodenluft einen Anstieg des Strahlungswertes von 280 Impulsen auf 7500 Impulse. „Demnach war der Anteil von radioaktiven Teilchen in der Luft am Mittag des 2. Mai dreißigmal höher als der normale Durchschnittswert“, lautete das Fazit. Giedinghagen verneinte eine akute Gesundheitsgefahr, riet aber dringend vom Regenwasser-Trinken ab.

Nun endlich schrillten überall die Alarmglocken: Die Strahlenschutzkommission riet vom Verzehr von Frischmilch ab – „erheblich erhöhte radioaktive Werte auch im Raum Lüdenscheid“ warnten die LN vor dem gefährlich strahlenden Jod 131.

Eltern ließen Kinder nicht mehr auf die Spielplätze, auf denen erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden. „SPD-Fraktion fordert: Die Sandkästen aller 48 Spielplätze leeren“, lautete eine Schlagzeile am 7. Mai. Die Stadt wehrte sich dagegen, offiziell gesperrt wurden die Spielplätze nicht. Aber es gab die Empfehlung, die Kinder nach dem Spielen im Freien zu duschen. Markthändler sollten ihr Obst und Gemüse nicht Regen oder Staub aussetzen.

Zwei Tage nach Saisoneröffnung wurde das Freibad wieder geschlossen, nachdem erhöhte Radioaktivitätswerte auf den Liegewiesen festgestellt worden waren. Die Feuerwehr nahm in diesen Tagen viele Messungen vor.

Auch der erste Patient kam zu einer nuklearmedizinischen Untersuchung ins Klinikum. Zuvor waren die „verseuchten“ Utensilien des aus dem Raum Kiew zurückgekehrten Lüdenscheiders Thomas Noelle (so der Hinweis von Ex-Stadtarchivar Dieter Saal) „unverzüglich in Plastikfolie eingeschweißt und in den strahlensicheren Bunker des Kreishauses gebracht“ worden.

Am 8. Mai meldete Friedrich-Wilhelm Giedinghagen nur noch um den Faktor Vier erhöhte Radioaktivitätswerte, und das Freibad öffnete wieder. Wenig Appetit hatten die Lüdenscheider jedoch weiterhin auf frisches Gemüse: „Die Radioaktivität verdirbt den Gemüsehändlern das Geschäft“. titelten die LN. Die ihrerseits reagierten auf die Situation mit Galgenhumor: „Strahlender Spinat, direkt aus Tschernobyl.“

Lüdenscheid habe relatives Glück gehabt, sagt Giedinghagen rückblickend. Zwei große Luftströmungen seien von Tschernobyl nach Westen gegangen: Die eine verstrahlte vor allem den Bayrischen Wald und Teile des Voralpenlandes, bevor diese Wolke weiter nach Westen zog. Eine zweite kam über Nordeuropa nach Norddeutschland. Lüdenscheid habe zwischen und am Rande der beiden Hauptströmungen gelegen und sei deshalb nicht so stark getroffen worden wie andere Gebiete.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare