Verwahrentgelt hält Einzug

Strafzinsen bei der Sparda-Bank West: Ziehen Sparkasse und Volksbank im MK nach?

Zwei Hände und eine Menge Kleingeld
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Sparen ist kompliziert geworden: Mit der konservativen Methode auf Tagesgeld- oder Girokonto kommt der Kunde nicht mehr weiter, muss nun, wenn er zu viel auf der hohen Kante liegen hat, sogar ein Verwahrentgelt bei der Volksbank oder Sparkasse fürchten.

Wenn zu viel Geld auf Tagesgeld- oder Girokonto liegt, müssen Kunden nun Strafzinsen fürchten. Die Geldinstitute reagieren damit auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Lüdenscheid – Lange vorbei sind die Zeiten, in denen der konservative Geldmensch sein Erspartes auf die Bank brachte und dieses Ersparte doch vermehrte, weil ein Sparbrief oder dergleichen mit einem gesunden Zinssatz genau dies sogar bei Verzicht auf jedwedes Risiko versprach. Solche Zinsen können sich Banken schon länger nicht mehr leisten. Die Zeiten für Sparer sind seit Jahren keine wirklich guten mehr, nun aber werden sie noch schlechter. Statt mehr könnte Erspartes nun sogar über den Inflationsverlust hinaus weniger werden.

GeldinstitutSparda-Bank West eG
HauptsitzDüsseldorf
Filialenca. 60

Strafzinsen ab 25.000 Euro bei Sparda-Bank West: Ziehen Sparkasse und Volksbank im MK nach?

In der vergangenen Woche informierte die Sparda-Bank West darüber, dass sie zum 1. April ein „Verwahrentgelt“ von minus 0,5 Prozent einführt. Sie tat dies am 31. März, also direkt vor der Umstellung. Ein wenig kurzfristig vielleicht, doch allein ist die Sparda-Bank West damit nicht. Auf „Verwahrentgelte“ müssen sich auch Kunden von Sparkasse oder Volksbank im Märkischen Kreis einstellen – allerdings hier nur diejenigen, bei denen das bei der Bank geparkte Geld 100.000 Euro überschreitet.

Praxisbeispiel: Hätte ein Sparer also aktuell auf Tagesgeld- und Girokonto eben jene 100.000 Euro liegen, so wäre es nicht nur so, dass die Tages- und Festgeldzinsen unterhalb der Inflationsrate lägen, de facto also Jahr für Jahr ein Kaufkraftverlust stattfände, das Ersparte praktisch an Wert verlöre. Mit einem Verwahrentgelt müsste der Sparer nun auch noch 0,5 Prozent seines Ersparten ans Geldinstitut abgeben. Bei 100.000 Euro wären dies im Jahr immerhin 500 Euro. Im Sparstrumpf im Keller wäre der Verlust geringer.

Was nach einem Thema klingt, über das sich die Spargemeinde trefflich aufregen könnte, ist auf den zweiten Blick vor allem eine Folge der Geld- und Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Die bittet seit 2014 die Geldinstitute, die kurzfristig Geld bei der Notenbank parken wollen, zur Kasse. Anfangs mit 0,1 Prozent, inzwischen mit 0,5 Prozent der Einlage. Wenn nun eine Sparkasse oder eine Volksbank ein Verwahrentgelt von 0,5 Prozent beim Kunden erhebt, dann ist dies der Betrag, den das Geldinstitut selbst an die EZB weitergeben muss. Nicht die Bank vor Ort verdient, sondern die EZB.

Strafzinsen ab 25.000 Euro bei der Sparda: Ziehen Sparkasse und Volksbank im MK nach?

So bezieht sich die Sparda-Bank West in ihrer jüngsten Stellungnahme auf die anhaltende Tiefzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). „Wir haben lange auf einen solchen Schritt verzichtet, müssen ihn jetzt aber zum Wohle der gesamten Genossenschaft gehen“, sagt deren Vorstandsvorsitzender Manfred Stevermann, „da die immer wieder prognostizierte Zinswende ausgeblieben und durch die Corona-Pandemie sogar in weite Ferne gerückt ist, ist dieser Schritt nicht mehr zu vermeiden.“

In der Praxis kommt zur Tiefzinspolitik der EZB allerdings noch ein anderer Faktor: Im Pandemiejahr 2020 ist in Deutschland mehr gespart worden. Das setzt die Banken zusätzlich unter Druck. „Die Deutschen sind da anders als zum Beispiel die Amerikaner: Sie sparen, wenn die Zeiten schwer sind“, sagt Volker Schnippering, Pressesprecher der Sparkasse Lüdenscheid und damit zuständig für den Bereich Lüdenscheid/Herscheid/Halver/Schalksmühle, „die Sparkasse hatte in dieser Zeit ein Einlagenwachstum von neun Prozent. Das Pandemie-Ergebnis ist: Es wird mehr gespart.“

Wir haben seit 2014 die Gelder, die an die EZB bezahlt werden mussten, nie an den Kunden weitergegeben, aber bei neun Prozent mehr Einlagen müssen wir das nun. Es ist ein Thema, an das man sich lange nicht herangetraut hat, aber über kurz oder lang werden wohl alle Banken so verfahren müssen.

Volker Schnippering (Pressesprecher der Sparkasse)

Die Krux: Für die Sparkasse bedeutet dies, dass sie für diese höheren Einlagen mehr Abgaben an die EZB bezahlen muss. Sie profitiert keineswegs davon, wenn ihre Kunden ihr mehr Geld anvertrauen. Und dies in Zeiten, in denen Geldinstitute ohnehin nicht auf Rosen gebettet sind. Die Sparkasse Lüdenscheid zum Beispiel hat zuletzt mit drei Filial-Umwandlungen in SB-Standorte (Oberbrügge, Heedfeld, Buckesfeld) das Signal gesendet, dass man auch beim Geldinstitut einem gewissen Sparzwang in schwierigen Zeiten unterliegt.

Doch zurück zum Verwahrentgelt: „Wir haben seit 2014 die Gelder, die an die EZB bezahlt werden mussten, nie an den Kunden weitergegeben“, sagt Schnippering, „aber bei neun Prozent mehr Einlagen müssen wir das nun. Es ist ein Thema, an das man sich lange nicht herangetraut hat, aber über kurz oder lang werden wohl alle Banken so verfahren müssen.“

Während bei der Sparda-Bank West – eine Bank, die aufgrund ihrer Zinspolitik in der Vergangenheit einen großen Zulauf hatte und dadurch nun den Druck womöglich noch stärker spürt – inzwischen ein Sparguthaben von 25.000 Euro ausreicht, um den Kunden zur Kasse zu bitten, beginnen die Überlegungen bei der Sparkasse Lüdenscheid erst, wenn ein Sparer pro Kopf auf Giro- und Tagesgeldkonto 100.000 Euro angespart hat.

Volksbank Südwestfalen: Keine Beitragsgrenze, die automatisch greift

„Das betrifft also nicht so viele Kunden“, sagt Volker Schnippering, „und wenn es einen Kunden betrifft, dann wird aktiv das Gespräch mit ihm gesucht, sollen Anlage-Möglichkeiten aufgezeigt werden. Und da geht es nicht nur darum, dieses Verwahrentgelt zu vermeiden, sondern auch die Möglichkeiten einer wirklichen Rendite zu eröffnen.“ Mit anderen Worten: Wer sein Geld zum Beispiel in Fonds anlegt, muss kein Verwahrentgelt fürchten und darf im günstigen Fall sogar auf einen Kaufkraftzugewinn bei seinem Ersparten hoffen, allerdings ist dies natürlich auch mit einem Risiko verbunden.

Die Volksbank in Südwestfalen geht einen ähnlichen Weg. „Seit Anfang 2020 setzt die Volksbank in Südwestfalen Verwahrentgelte in der Art und Weise um, dass wir zunächst mit gewerblichen Kunden und Großeinlegern individuelle Vereinbarungen geschlossen haben und weiter schließen“, erläutert Benjamin Sekavcnik, der als Referent für Unternehmenskommunikation am Standort in Lüdenscheid zu Hause ist, „bei Privatkunden behalten wir uns ab 100.000 Euro Einlagenguthaben vor, eine Verwahrentgeltregelung zu treffen. Hierbei spielen jedoch vielfältige Faktoren – wie zum Beispiel Intensität und Umfang der Geschäftsbeziehung – eine Rolle, sodass dieser Betrag keinen fix-pauschalen Freibetrag darstellt.“

Mit anderen Worten: Auch bei der Volksbank wird individuell entschieden. „Es ist keine Betragsgrenze, die automatisch greift“, sagt Sekavcnik, „im Falle des Falles wird das Gespräch gesucht – und dann werden auch alternative Anlageformen aufgezeigt.“ Auch die Volksbank vermeidet Abgaben an die EZB und profitiert, wenn ihre Kunden in Fonds investieren.

Fazit: Die meisten Kunden werden nicht von Strafzinsen betroffen

Wie das Prinzip der individuellen Entscheidung und des offenen Gesprächs der Geldinstitute mit den Kunden zu bewerten ist, bleibt dem Betrachter überlassen. Dass das Landgericht Tübingen geurteilt hat, dass Strafzinsen bei laufenden Verträgen nicht eingeführt werden dürfen, legt zumindest den Schluss nahe, dass die Banken bei Bestandskunden gar nichts anderes übrig bleibt. Die Richter haben indes zumindest bei Neuverträgen die Möglichkeit von Strafzinsen offengelassen.

Fazit: Der Kunde hat die Wahl – nichts tun und ein Verwahrentgelt bezahlen oder das Ersparte mit einem Risiko, aber auch Chancen anlegen. Allerdings bei Sparkasse und Volksbank im Kreis nur der Kunde, für den dies ob der Höhe des Ersparten eine Art Luxusproblem ist. Für das Gros der Kunden ändert sich dagegen gar nichts.

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank

Die Banken und Sparkassen nennen es Verwahrentgelte, andere sprechen von Negativzinsen: Dass Geld, wenn es einfach nur auf der Bank lagert, weniger wird, geht auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zurück. Die beschloss im Jahr 2014 diesen Strafzins, mit dem Geldinstitute dazu gebracht werden sollten, mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben und auf diesem Weg die Wirtschaft der EU anzukurbeln. Ein Ansatz, der in der Realität aber noch nicht nachhaltig angekommen ist. So ist der Strafzins für Geldinstitute zur zusätzlichen Belastung geworden. Im Juni 2014 betrug der negative Einlagezins für Banken, die Geld bei der Notenbank parken wollten, 0,1 Prozent, über 0,2 Prozent stieg er und hatte von 2016 bis 2019 mit minus 0,4 Prozent seine Gültigkeit, danach wurde er noch einmal auf den heutigen Stand von 0,5 Prozent angehoben.

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