Strafverteidiger zieht die Notbremse

LÜDENSCHEID ▪ Ganz nett, fast brav kommt er daher. 26 Jahre alt, der Haarschnitt adrett, der dezent gemusterte Pulli eng überm muskulösen Oberkörper, verheiratet, vier Kinder. „Ich habe mit diesen ganzen Sachen nichts zu tun“, sagt er nach der Verlesung der Anklageschrift. Aber Amtsrichter Jürgen Leichter lupft die Augenbrauen. Sein Appell an die Wahrheitsliebe verhallt – zunächst.

Sechs Mal hat der junge Familienvater ein paar Einbrecher hin- und herkutschiert, sagt die Staatsanwältin, vornehmlich zum Breitenfeld und zur Wehberger Straße. Seinen Audi A4 stellte er als Transporter für Beute aus Kellerräumen von Mietshäusern zur Verfügung: Werkzeug, Schnaps, ein Computer, Lebensmittel – was im Keller halt so herumliegt. Die Einbrecher sind geschnappt und belasten ihren Fahrer. Aber wie gesagt: „Das kann nur gelogen sein.“ Er habe schließlich Kinder, sagt er.

Komisch nur, dass er die Täter kennt. Ja, weil sie mal seinen Bruder zusammengeschlagen hätten, erklärt der 26-Jährige dem Richter. Von „kaputten Händen“ und einem „Tauchsieder im Gesicht“ ist die Rede. Da habe er seinen Bruder gerächt. Strafverteidiger Rolf Holthaus schweigt noch zu der Geschichte seines Mandanten.

Als der erste Zeuge (21) auftritt, wendet sich das Blatt. Er hat schon eine Reihe von Einbrüchen zugegeben und „hat erkennbar Angst vor dem Angeklagten“, wie Richter Leichter anmerkt. Trotzdem belastet er ihn. Aber wer war der Chef der Bande? Der Richter fragt den Zeugen: „Wissen Sie eigentlich, wo das Breitenfeld ist?“ – „Na klar, irgendwo in Lüdenscheid!“

Der Junge berichtet von Schlägen, die er von dem Audi-Fahrer gekriegt hat, von dessen Wodka-Flasche, die auf seinem Kopf zu Bruch gegangen ist. Und von einer erzwungenen Tour zur Wohnung des kräftigen Mannes in Sankt Augustin. „Da mussten wir eine Woche lang alles saubermachen und anstreichen und so.“ Die Staatsanwältin lehnt sich zurück. Die Anschuldigungen passen zur Ermittlungsakte.

Rechtsanwalt Rolf Holthaus zieht die Notbremse. Wenn jetzt noch mehr Zeugen aussagen, kann es schlimm werden für seinen Mandanten – vier Kinder hin oder her. Fünf Minuten dauert das Gespräch auf dem Flur. Dann eröffnet der Familienvater dem Gericht: „Ich möchte alles zugeben. Dass ich die da hingefahren habe. Und dass ich wusste, dass die da klauen wollten.“

Vier Vorstrafen kommen erschwerend hinzu. Richter Leichter wertet das Geständnis als „gerade noch rechtzeitig“. Der Angeklagte sei wohl als „Zampano“ bei den jungen Leuten aufgetreten und wollte sie „beherrschen“. Und die Nummer mit der Renovierung, „da fühlt man sich ja ins finstere Mittelalter versetzt“, sagt Richter Leichter.

Das Gericht verhängt 15 Monate mit Bewährung.

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