Strafvereitelung vor Gericht unbewiesen

Lüdenscheid - Im Zweifel für den Angeklagten! Der eiserne Grundsatz der Strafjustiz kommt nun auch einem jungen Lüdenscheider zugute, der seit zehn Monaten im Fokus der Ermittlungsbehörden stand. Es bleibt ein Verdacht, es bleiben offene Fragen. Aber es gibt keinen Nachweis für den Vorwurf der Strafvereitelung.

Richter Peter Alte sagt zum Angeklagten: „Sie haben vielleicht Glück gehabt.“ Der inzwischen 21-Jährige fährt am 6. Juli 2012 mit Freunden in einen Marokko-Urlaub. Sein Auto, ein Renault Twingo, lässt er vor der Haustür am Buckesfeld stehen, den Zündschlüssel hat er im Urlaubsgepäck dabei. Am 7. Juli ruft ihn sein Vater aus Lüdenscheid an. Sinngemäß: „Die Polizei war da. Jemand hat mit deinem Wagen einen Unfall gebaut und Fahrerflucht begangen.“

Dieser „Jemand“ hat, offenbar mit einem Zweitschlüssel, eine Spritztour durch die Kreisstadt unternommen und auf der Schlachthausstraße ein Haus gerammt. Dabei sind nicht nur Fliesen von der Wand gefallen und eine Treppe beschädigt worden. Der Twingo erlitt Totalschaden.

Als sein Besitzer aus Marokko zurückkehrt, findet er den demolierten Wagen unweit vom Unfallort. Die Heckscheibe ist mit einer Folie abgeklebt. Die Polizei hat Fragen. Zum Beispiel: „Wem haben Sie das Auto geliehen?“ Im Protokoll steht eine Antwort, die Verdacht erregt. „Ich will keinen reinreißen, ich weiß nicht, wer es war.“

Richter Alte forscht nach. Das Auto war ordentlich abgeschlossen und wurde nicht aufgebrochen. Der Zweitschlüssel – „den hatte ich irgendwo im Zimmer oder in der Jackentasche,“ so der Angeklagte – wurde nicht geklaut. Einbrecher waren auch nicht im Haus.

Der Richter fragt geduldig weiter: „Ist es nicht so, dass Sie einen Kumpel schützen wollen?“ Doch der Beschuldigte bleibt stur. „Ich habe das Fahrzeug nicht bewusst verliehen.“ Es kämen viele Leute in Frage. „Ich kann niemanden verdächtigen.“

Gestraft ist er in anderer Hinsicht. Sein Auto musste er zum Schrotthändler bringen und blieb auf dem Schaden sitzen. Immerhin: Eine Versicherung hat der Hauseigentümerin den Gebäudeschaden ersetzt und 1500 Euro überwiesen. Wer den Wagen tatsächlich ausgeborgt und Unfallflucht begangen hat, wird die Justiz nicht mehr ergründen. Richter Alte stellt das Verfahren gegen den jungen Mann auf Kosten der Landeskasse ein.

Nun kann der 21-Jährige seinen Lebensplan weiter verfolgen, kann Betriebswirtschaft studieren – und gilt weiter als nicht vorbestraft.

Olaf Moos

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