Schutzgelderpressung

Auftrag wird zum Horrortrip: Leben von Fliesenleger gerät aus den Fugen

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Das Leben eines selbstständigen Fliesenlegers geriet vollkommen aus den Fugen - er beauftragte ein Inkassounternehmen, wurde dann aber zum Opfer.

Der mutmaßliche Schutzgelderpresser (42) aus Lüdenscheid schweigt noch – ebenso wie der andere Angeklagte (46), der laut Staatsanwalt Axel Nölle als Mittäter gilt und in Haan im Kreis Mettmann wohnt. Wenn es stimmt, was in der Anklageschrift steht, haben die vielfach vorbestraften Männer jahrelang Angst und Schrecken verbreitet und ihren Opfern insgesamt rund 90.000 Euro abgeknöpft – skrupellos, bewaffnet und mit wüsten Drohungen.

Lüdenscheid - Zum Auftakt des Prozesses vor der 9. Strafkammer des Landgerichts Hagen beantwortet ein selbstständiger Fliesenleger aus der Kreisstadt die Fragen des Vorsitzenden Richters Christian Hoppe. 

Der 34-Jährige erinnert sich, wie harmlos sein Horrortrip begann. „Einzelne Kunden haben meine Rechnungen nicht bezahlt.“ Da bot sich der Hauptangeklagte, Inhaber eines Lüdenscheider Sicherheits- und Inkassounternehmens, als Helfer an. 

Dem habe er Geschäftsunterlagen gegeben, sagt der Zeuge. „Er wollte mal gucken, ob da was geht.“ Die Durchsicht der Papiere kostet ihn 200 Euro. Er habe sich nichts dabei gedacht. 

Dann seien auch zwei Zahlungen eingegangen, „er hat die Kunden unter Druck gesetzt“. Rechtsanwalt Dr. Frank Nobis, der den Geldeintreiber zusammen mit seinem Kollegen Dirk Löber verteidigt, will von dem Fliesenleger wissen, ob er nicht daran gedacht habe, sich der Anstiftung zur Erpressung schuldig zu machen. Der 34-Jährige verneint. 

Die Rechtsanwälte Dr. Frank Nobis (links) aus Iserlohn und Dirk Löber aus Lüdenscheid haben ihrem Mandanten geraten, vor Gericht zunächst zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft zu schweigen.

In falschen Bahnen 

Doch eines Tages landet ein Video auf seinem Smartphone. Es zeigt, mit welchen Mitteln der Hauptangeklagte einen säumigen Zahler bedroht. Der Zeuge räumt ein: „Da weiß man dann schon, das läuft alles in falschen Bahnen.“ 

In den Folgemonaten gibt's noch mehr Videos und WhatsApp-Nachrichten. Und dann schlägt das Pendel um, der Auftraggeber wird zum Opfer. Immer höhere Geldforderungen seien gekommen, so der Zeuge, Details wisse er nicht mehr. „Es gab unzählige Treffen.“ 

Plötzliche Besuche auf Baustellen, Anrufe, Tag und Nacht Autos mit dunklen Gestalten vor seiner Haustür – „sie sagten immer, dass sie bewaffnet sind, dass sie wissen, wo meine Eltern wohnen und dass sie meiner Familie was antun und mich um die Ecke bringen“. Einmal hätten sie ihm eine Pistole an den Kopf gehalten. 

Die Geschäftsunterlagen des Bauhandwerkers dienten dem Angeklagten offenbar als Druckmittel. „Aber drohen musste man mir gar nicht mehr.“ Wenn er 100 000 Euro auf dem Konto gehabt hätte, „hätte ich blöderweise immer weiter bezahlt“. 

Lebensversicherung 

Die Polizei, sagt der Zeuge, habe nichts getan. „Man wird einfach alleingelassen.“ Doch Kontoauszüge, die Abhebungen oder eine Kreditaufnahme dokumentieren, könne er noch vorzeigen. 

Und noch etwas: das Handy mit dem Schriftverkehr und mehreren Videos. Staatsanwalt Nölle fragt nach. Der Fliesenleger antwortet: „Ja, klar gibt es das Handy noch. Es ist meine Lebensversicherung.“ Und lagere „an einem sicheren Ort“. Richter Hoppe lässt das Smartphone des „etwas verängstigten Zeugen“ sicherstellen und auswerten. 

Der Mitangeklagte, ein hünenhafter und finster dreinblickender Schwerathlet, verteidigt von Rechtsanwalt Dieter Kaufmann aus Dortmund, spielt in der Aussage des Fliesenlegers keine Rolle. Erst ein weiterer Zeuge (37), Fahrzeuglackierer aus Lüdenscheid, sagt über dessen Rolle aus.

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