„Standhaft“ am Amtsgericht: Es ist so einiges klarzustellen

Lüdenscheid - Es ist ein Auftritt der eher ungewöhnlichen Art. Der Angeklagte (43) backt gar keine kleinen Brötchen. Er baut sich breitbeinig vor der Richterbank auf, die Arme vor der Brust verschränkt. „Nehmen Sie doch Platz“, sagt Amtsrichter Thomas Kabus, gewohnt höflich.

Antwort: „Ich möchte nicht Platz nehmen!“ – Warum sind Sie dann gekommen?“ – „Um hier mal was klarzustellen!“ Der 1,90-Meter-Mann hatte nämlich Stress mit dem Job-Center. Er macht die Sachbearbeiter dafür verantwortlich, dass er eine falsche Auskunft bekommen hat. Das habe ihn viel Geld gekostet – und sein Geschäft als selbstständiger Imbissbetreiber. „Mit welchem Recht tun solche Menschen das?“

Er heuerte dann in einer Schraubenfabrik an, verschwieg das aber im Job-Center – und kassierte von ihm weiter Leistungen, insgesamt 2495,65 Euro. Er habe sich „halt eine kleine Starthilfe geholt, ein zinsloses Darlehen gewissermaßen“, berichtet er. Und fügt, immer noch stehend, hinzu: „Das habe ich mit voller Absicht getan, und dazu stehe ich auch.“

Das nimmt Amtsanwalt Markus Desecar als Geständnis hin. Und dann schaut Richter Kabus in die Akte und stößt auf ein älteres Verfahren gegen den Lüdenscheider. Er hatte mal Waffen zu Hause, unter anderem eine, die die Polizei für verboten hält, einen modernen Vorderlader. Also: Verstoß gegen das Waffengesetz. Er soll damit einen Nachbarn verängstigt haben. Also: Bedrohung. Die Waffen wurden konfisziert. „Dabei wollte ich die verkaufen und meinen Pilotenschein damit finanzieren.“

Das Verfahren wurde damals eingestellt, gegen Ableistung von 80 Sozialstunden. Richter Kabus fragt: „Haben Sie davon schon was abgeleistet?“ Der Angeklagte: „Nein! Und das habe ich auch nicht vor.“ Erst sei er zwangsenteignet worden, dann solle er auch noch Zwangsarbeit leisten. „Das geht gegen mein Rechtsverständnis.“

Das Rechtsverständnis der Juristen im Saal E29 des Amtsgerichts tickt aber anders. Kabus verurteilt den Mann zu 900 Euro Geldstrafe. Die knapp 2500 Euro muss der auch noch zurückzahlen. Er kann jetzt also nach Hause. Aber er bleibt noch einen Moment stehen. Um noch mal was klarzustellen. „Und was ist mit meinem Schaden? Interessiert das keinen hier?“

Von Olaf Moos

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