Stalking bis in den Tod?

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Symbolbild

Lüdenscheid  - Er bombardierte eine 44-jährige Frau mit Nachrichten und Anrufen, Stunden später war sie tot. Nun muss sich der 40-jährige Tatverdächtige vor dem Landgericht Hagen verantworten. Das sagt der psychiatrische Sachverständige über den Angeklagten.

Es gibt aus psychiatrischer Sicht keine Hinweise auf eine schwere seelische Störung oder gar eine Psychose des Angeklagten. Dieser Befund stand gestern im Zentrum des Gutachtens des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Nikolaus Grünherz.

Auch ihm hatte der 40-Jährige auf Anraten seines Verteidigers nichts zu dem tödlichen Geschehen in der Nacht zum 25. Februar gesagt. Der Gutachter rekonstruierte jedoch ein Geschehen wachsender Frustration des Angeklagten, der sich im Gegenzug für die Hilfe bei Behördengängen immer noch Hoffnungen auf eine intime Beziehung zum Opfer der späteren Bluttat machte.

Kurz vor der Tat hatte die 44-Jährige ihm noch Papiere übergeben, um die er sich kümmern sollte. Das habe ihn möglicherweise darin bestärkt, dass aus der ersehnten Beziehung doch noch etwas werden könne. Die Fülle an Kontaktversuchen, mit der der Angeklagte die 44-Jährige vor der Tat überschüttet hatte, fasste der Gutachter als „Stalking-Verhalten“ zusammen.

Noch in der Tatnacht googelte der Angeklagte unter anderem das Suchwort „Zigeunerzauber“. Schon im Mittelalter wurden dem „fahrenden Volk“ magische und zauberische Fähigkeiten unterstellt. Auch das passe in das Bild, dass der Angeklagte gehofft habe, es könne doch noch etwas gehen auf dem Weg von der Bekanntschaft zur Beziehung. Als er dann in der Tatnacht realisierte, dass bis kurz vor drei Uhr ein anderer Mann bei der 44-Jährigen war, war die Fallhöhe sehr hoch: „Das muss ihn schon sehr getroffen haben und eine erhebliche Kränkung für ihn gewesen sein“, fasste der Gutachter die Wirkung dieser Entdeckung zusammen. „Alle Hoffnung war zerronnen.“

Erstaunt war der Gutachter über den Umgang des Angeklagten mit dem Tod der 44-Jährigen: Er sei kaum in der Lage, Trauer oder Nachdenklichkeit über das Geschehene zu zeigen. Stattdessen habe er sich im Gespräch „scheinbar unbeteiligt, kindlich naiv und geradezu hochgestimmt“ gezeigt. „Ich konnte das gar nicht verstehen“, zeigte sich Nikolaus Grünherz mehrfach irritiert über das Verhalten des Angeklagten und den Widerspruch zu dem, was Zeugen aus der Tatnacht berichtet hatten: „Verheult und mit großen Augen“ hatte ihn ein Zeuge gesehen. „Nicht in dieser Welt“ sowie „umtriebig und laut“ sei er gewesen. Einen vereinzelten Hinweis auf eine zumeist verborgene gewalttätige Seite des Angeklagten hatte eine Zeugin gegeben, die von vereinzelten körperlich ausgetragenen Auseinandersetzungen berichtet hatte. Sie hatte die jahrelange Beziehung zum Angeklagten aber auch als weitgehend harmonisch geschildert.

In welcher Verfassung war der Angeklagte in der Tatnacht tatsächlich? Der Vorsitzende Richter Marcus Teich wies auf die in der Wohnung herumliegenden Messer hin, mit denen der Angeklagte möglicherweise eine andere Spur legen wollte, um von sich abzulenken. Ein solches Verhalten würde auf einen noch recht klaren Verstand hindeuten.

Der Prozess am Landgericht wird am 22. August voraussichtlich mit den Plädoyers fortgesetzt.

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