Ohne Wasser im Winter

Stadtwerke stellen Wasser ab, weil Vermieter nicht zahlt - Mieter leiden

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Taner Nazli und seine Familie müssen seit anderthalb Wochen ohne Wasser auskommen. 

Lüdenscheid – 122 Liter Wasser verbraucht ein Mensch durchschnittlich in Deutschland am Tag. Die Familie Nazli muss derzeit mit nicht einmal 50 Litern auskommen – für alle sechs Familienmitglieder zusammen.

Der Grund: Die Stadtwerke Lüdenscheid haben das Wasser abgestellt. Jeden Tropfen muss die Familie seitdem per Flasche oder Kanister ins erste Obergeschoss schleppen. 

„Können Sie sich das vorstellen, wie das ist, wenn man bei Leuten betteln muss, um Wasser zu bekommen“, fragt Taner Nazli beim Besuch in der Wohnung an der Werdohler Straße 89. Er und seine Familie sind verzweifelt. 

"Das Schlimmste ist die Toilette"

Bereits seit dem 30. Januar kommt kein Wasser mehr aus der Leitung. Sie haben mehrere Plastik-Kanister als Reserve in der Küche platziert, fürs Trinkwasser haben sie einen Wasserspender danebengestellt. Zum Duschen gehen Mutter, Vater, drei Töchter und ein Sohn zu Freunden und Bekannten. Das Wäschewaschen fällt seit anderthalb Wochen aus. „Das Schlimmste aber“, sagt Vater Taner, „ist die Toilette“. Jeder Spülvorgang ist Handarbeit.

So dramatisch wie jetzt war es noch nie

„Warum müssen wir so etwas erleben in einem so reichen Land wie Deutschland?“ Taner Nazli schüttelt den Kopf. Schon einmal – vor drei Jahren – war das Wasser für wenige Tage abgestellt. Doch so dramatisch wie jetzt war die Situation noch nie. 

Auch vier Monate altes Baby im Haus

Neben der Familie Nazli gibt es weitere Mieter im Haus, die aktuell kein Wasser haben – insgesamt rund 20 Personen. „Darunter ist auch ein vier Monate altes Baby“, berichtet Taner Nazli von unhaltbaren Zuständen. 

Drei Wassersperren in diesem Objekt

Auf Anfrage bestätigte Stadtwerke-Sprecher Andreas Köster die Wassersperre für die Werdohler Straße 89. „Das war in diesem Objekt nicht das erste Mal der Fall“, sagt Köster, der von insgesamt drei Sperren in den vergangenen Jahren spricht. 

Außenstände in Höhe von mehr als 10.000 Euro

Seit längerer Zeit habe der Vermieter seine Rechnungen nicht mehr bezahlt. Am 30. Januar stellten die Stadtwerke die Wasserversorgung schließlich ein. Insgesamt gebe es – so Sprecher Köster – Außenstände in Höhe einer fünfstelligen Euro-Summe. Mehrere Mieter im Haus sprechen von 28 000 Euro, die der Vermieter den Stadtwerken schuldet. 

Gas wird auf Kulanz weitergeliefert

Die nicht bezahlten Rechnungen beziehen sich nicht nur auf Wasser, sondern auch auf Gas. „Wegen der kalten Temperaturen liefern wir in der Winterzeit das Gas aber auf Kulanz weiter. Ansonsten würde das Haus auskühlen und das möchten wir den Mietern nicht zumuten“, erklärte Stadtwerke-Sprecher Köster. 

Sobald die Temperaturen steigen, könnte aber auch hier der Gashahn zugedreht werden. Erst wenn die Schulden beglichen sind, würde die Versorgung fortgesetzt. 

Einige Mieter zahlen direkt an die Stadtwerke

Wie Mieter übereinstimmend berichten, zahlten einige Mietparteien seit mehreren Monaten einen Teil der Nebenkosten direkt an die Stadtwerke, angeblich sind es 1.260 Euro pro Monat. Aber auch das habe die Stadtwerke nicht davon abgehalten, den Wasserhahn zuzudrehen. Andreas Köster sagt dazu, dass die Teilzahlungen nicht ausreichend gewesen seien. 

Vermieter kann Schulden nicht bezahlen

Die Situation im Haus Werdohler Straße 89 ist verfahren. Mehrfach habe ihm der Vermieter gesagt, er habe kein Geld und könne die Schulden nicht bezahlen, erzählt Taner Nazli. Im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt das der Vermieter, der nicht genannt werden möchte. 

"Das Beste wäre, wenn die Familien ausziehen"

Er habe durch Pfändungen der Mieten so gut wie keine Einnahmen, ihm habe man selbst das Gas abgestellt. Das Beste wäre, wenn die Familien ausziehen. Die Suche nach einer Wohnung für sechs Personen sei in Lüdenscheid aber schwierig, entgegnet Taner Nazli. 

Mieter wollen separate Wasserzähler einbauen

Um die Wassersperre abzuwenden, hatten die Mieter den Stadtwerken zuletzt angeboten, auf eigene Kosten separate Wasserzähler einzubauen und den Verbrauch einzeln abzurechnen. „Theoretisch ist das denkbar“, sagt Stadtwerke-Sprecher Köster. Dazu müsste allerdings der Vermieter zustimmen.

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