Stadtfestbaby, Karneval und viele Spießchen

LÜDENSCHEID ▪ Ein Lüdenscheider in Lederhose, ein umgetaufter Kölsch-Kellner, ein frischgebackener Papa am Backofen und ein Schatzmeister ohne Schatz: Wer sich ins Getümmel des Stadtfestes stürzt, taucht ein in die bunte Welt der Bergstadt-Vereine. Die LN machten sich am Samstag auf einen Rundgang.

Wäre heute Karneval, ginge Rüdiger Wilde als Franz-Josef Strauß. In der original Krachledernen lehnt der Unionsmann im Parteizelt vor der Post lässig am Tresen, beißt in die Brezel und freut sich aufs Weißbier. Tatsächlich müsste Wilde ordentlich zulegen, um so ein Schwergewicht wie der Strauß zu werden. Politisch wie kulinarisch. Stattdessen soll ich jetzt die Schweinshaxe probieren. Nix da! Ich könnte ja heute schon als Strauß durchgehen.

Am Schwenkgegrillten des Post SV und lecker Griechenspießchen komme ich noch vorbei, am Kuchenstand der Freund(innen) des Johannes-Busch-Hauses nur noch mit knapper Not, doch bei den Heckrinder-Freunden ist Schluss mit der Enthaltsamkeit. Wem Hans Bartholomay ein kühles Gläschen Wein anbietet, der ist verloren. Vom fidelen Heckrinder-Sextett erfahre ich bei dem süffigen Schlückchen, dass Udo Lütteken ihr „Schatzmeister o.S.“ ist. Also ohne Schatz. Trotzdem schafften sie einst „King Stilli“ an, den Zuchtbullen für die Stilleking-Herde. Heute ruht der vielfache Kälbervater ganz stilli in diversen Kühltruhen. Es muss also wieder gesammelt werden.

Zum Wein der Heckrinderfreunde kommen bei mir jetzt drei Spiralchips aus dem Lebenshilfe-Topf. Schmecken wie Bratkartoffeln, hmm! Mal nichts zu essen, aber viel zu sehen gibt‘s bei Oliver Reitz und dem Bürgerverein zur Förderung der Schienenverkehrs. Reitz, stilecht mit Bahner-Käppi, erzählt, dass er noch Kind war, als Vater Hermann Ende der 70er Jahre letztmals einen Stadtfeststand für den BFS organisierte.

Der Lüdenscheider Verein für Tages- und Pflegeeltern machte das anders: „Wir stehen schon seit 30 Jahren hier“, wissen Cordula und Thomas Bock, die das TuPF-Glücksrad drehen. A propos Eltern: Oliver Fröhling, seit dem frühen Morgen frisch gebackener Papa von Anna Sophie, backt nur zwölf Stunden später schon wieder selber - die Crepes im Knusperhäuchen der Erlöserkirche. Der Papa Stadtfest-Aktiver, die kleine Anna ein waschechtes Stadtfestbaby - was will man mehr? Fröhlings Sohn kam übrigens Rosenmontag zur Welt. „Jetzt fehlt nur noch eins zu Weihnachten.“ Die Schlange am Stand ist lang, viele wollen gratulieren, andere nur Crepes, bis sie mitkriegen, was los ist. Hier werden heute definitiv die meisten Hände geschüttelt.

Nebenan dampft und zischt eine uralte italienische Kaffeemaschine, die aussieht wie ein aufpolierter Ferrarimotor und ächzend Latte Macchiatto zubereitet. Hans Seisler vom Förderverein der Ev. Kirchengemeinde Oberrahmede kann sie tatsächlich bedienen. Nicht nur dank des Kaffees ist der Verein längst über den Status des Kleinigkeiten-Sponsors hinausgewachsen, zahlt heute die Küsterin und den Jugendreferenten ebenso wie die Küche im Kirchencafé. Was wäre Lünsche ohne seine Vereine.

Wieder eins weiter, sind Susanne Elpers und Angelika Hartzsch-Borchert vom Zentrum für jugendliche Diabetiker total stolz auf „ihre“ Kids. Während die Erzieherinnen dem Stadtfest-Publikum auch viele süße Sachen kredenzen - „klar geht das“ -, freuen sie sich, dass auch die Kinder und Jugendlichen mitmachen, sich mit dem Zentrum identifizieren und dessen T-Shirts tragen. „Das war früher ganz anders.“

Am umlagerten Audrey’s-Stand am Knapp schminkt Kathrin Leymann das „gefühlt fünfhundertste“ Kindergesicht. Es gehört Damian, der sich gerade in eine Art Minivampir verwandelt. Nebenan, beim CVJM, schreit Kyra Jendrek auf – aber nicht wegen Damian: Sie hat sich beim Waffelbacken die Flosse verbrannt. Das Stadtfest fordert eben auch Opfer.

Am Pontiakos-Stand gibt’s schon wieder Griechenspieße, ein ganzer Berg davon liegt vor Sylvia Theodoridis auf dem Party-Tischchen. „Das ist erst die Hälfte“, lacht sie, als ich frage, wer das alles essen soll. Heute ist die ganze Familie her, auch die Kölner. „Für sowas ist das Stadtfest einfach ideal!“

Reiner Rahmede ist Hobby-Löwe und schenkt als Bedienung das Kölsch am Lions-Stand aus. „Kölsch kommt an in Lüdenscheid“, weiß er. Zu den Longdrinks der Rotarier gehen die Lions aber auch mal rüber, „da gibt‘s keine Berührungsängste“, sagt Rahmede. Und nein, „Ober Rahmede“ hat ihn hier noch keiner gerufen. „Wäre aber pfiffig“, schmunzelt er.

Am Romilly-Champagnerstand können Nelly Huche, Simone Tump und Jean-Marc Berthier diesmal alle Gäste mit ihrem erlesenen Tröpfchen aus der Marne-Region beglücken. Die französischen Partnerstädter haben viel mehr Flaschen mitgebracht als vor zwei Jahren. Damals hatten die Lüdenscheider sie um elf Uhr abends trockengesoffen. „Sowas passiert einem Franzosen nur einmal“, versichert Simone Tump.

Mit den Zeiten kommt man auf dem Stadtfest sowieso gerne durcheinander. Kurz vor Mitternacht bietet der Lüdenscheider Frauenchor neben Schmalzbroten auch leckere Sahnetörtchen an. „Witzige Mischung“, findet Kundin Ina Weidmann, die sich gerade für die Schmalzstulle entschieden hat. Laut Bettina Göldner gehen die Sahnetörtchen auch noch zur Geisterstunde weg wie die warmen Semmeln - zum Beispiel die von Rüdiger Wilde. Was soll's, es ist ja auch schon Sonntagmorgen. Da darf's gern wieder was Süßes sein, oder?

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