Crashkurs Deutsch für Asylbewerber

Klassenfoto zur Erinnerung mit Bürgermeister Dieter Dzewas.

Lüdenscheid  - „Ihr Aufenthaltsstatus ist ungeklärt. Darum investiert niemand in sie. Sie werden von keinem Förderprogramm erreicht“, sagt Christian Miß, der sich bei der Stadt Lüdenscheid um Ausländer und damit auch Asylbewerber kümmert.

15 Menschen europäischer Nationalität, aus dem arabischen Raum und Schwarzafrika, aus 13 verschiedenen Ländern und völlig unterschiedlichen Kulturkreisen drücken zurzeit jeden Tag gemeinsam die Schulbank. Ab Montag helfen sie aus beim STL und kümmern sich um das Lüdenscheider Stadtbild.

Wer mitmacht, tut das freiwillig und weil er den Unterricht im schmucklosen Sitzungsszimmer des Telekom-Gebäudes der Perspektivlosigkeit und dem Herumsitzen in einer Unterkunft vorzieht. Die Schüler kommen trotz Zahnschmerz und verschieben ihre Termine. Schon seit fast drei Wochen geht das von morgens um 8 bis mittags um 13 Uhr und die Aufnahmefähigkeit in den Sinkflug übergeht.

Lehrer ist der pensionierte Rektor der Pestalozzi-Schule, Manfred Wingels, der seine Schüler schubst und duzt – wie sie ihn auch. Die Verben ziehen, drücken und schieben braucht man schließlich im Alltag des STL, auch Substantive wie Hacke, Harke und Bürgersteig.

Aber es gibt kein wirkliches Konzept, dass man übernehmen könnte, kein Unterrichtsmaterial und nur ein knappes Budget. Die täglichen Grußformeln kommen längst fließend, Beim Gang durch die Innenstadt werden Verkehrsschilder gelernt und auf dem Markt die Vokabeln für Obst und Gemüse.

Das fällt dem einen schwerer, dem anderen leichter. Der Soldat aus Eritrea bringt einen Grundwortschatz englisch mit, der Musiker aus Guinea spielt fünf Blasinstrumente und ist mehrsprachig. Ein weiterer Kursteilnehmer hat noch nie eine Schule von innen gesehen.

Vergleichbare Projekte sind Jörg Geßler aus der Stabsstelle Arbeit im Rathaus nicht bekannt. Er war zuständig für die Organisation des Vorhabens, das zunächst auf zweieinhalb Monate angelegt ist. Geldgeber ist der STL, der die Asylbewerber für zusätzliche Arbeiten der Reinigung und Pflege einsetzten will, dafür aber auf sprachliche Grundkenntnisse angewiesen ist.

Ob es eine Neuauflage des Projekts geben wird, ist zurzeit offen. Aus Sicht von Geßler und Miß jedenfalls wäre es zu begrüßen. Denn aktuell zählt Lüdenscheid 105 Menschen, die hier Asyl suchen und in Unterkünften und Privatwohnungen auf Entscheide und Bescheide warten, die Tendenz ist steigend.

„Es stecken dramatische Schicksale dahinter und eine enorme psychische Belastung. Ohne Sprache ist das hart“, sagt ihr Lehrer, bevor er sein Portemonnaie zückt, um die Unterschiede zwischen großem und Kleingeld zu erklären. - flo

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