Spielzeugfreie Zeit in der Kita "Die Arche"

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„Hier ist noch etwas!“ Eifrig helfen die Mädchen und Jungen mit, die Duplo-Steine aus den Kisten in die blauen Säcke zu räumen.

Lüdenscheid - Einfach mal auf das Glas Wein am Abend verzichten. Die Schokolade in der Schublade lassen – für viele undenkbar, selbst in der nun endenden Fastenzeit. Dass Kinder keinerlei Probleme damit haben, ihr Lieblingsspielzeug eine Zeit lang abzugeben, beweisen Jahr für Jahr die Mädchen und Jungen aus der katholischen Kita „Die Arche“.

Hintergrund des Projekts

„Die spielzeugfreie Zeit ist keineswegs ein Projekt gegen Spielzeug“, betont „Arche“-Leiterin Dörthe Buhl. „Denn wir wissen alle, dass es viel sinnvolles Spielzeug gibt, das notwendig für die kindliche Entwicklung ist.“ Doch oft genug sei zu viel Spielzeug vorhanden und viele Kinder klagten trotz des Überflusses über Langeweile. Die festgelegte Spanne (acht bis zehn Wochen) der spielzeugfreien Zeit soll Raum schaffen, in dem die Kinder ihre eigenen Fähigkeiten entdecken und ihre eigenen Grenzen und Möglichkeiten im Kontakt mit anderen erleben können. Neben den positiven Auswirkungen auf die Sprachentwicklung (zum Beispiel durch Rollenspiele) stehen der Einfallsreichtum für selbsterdachte Spiele, handwerkliche Fertigkeiten und die Fähigkeit, andere für sein Spiel zu begeistern und einzubeziehen im Vordergrund. „Es gibt die wichtige Erkenntnis, dass Kinder, die vielfältige Lebenskompetenzen entwickelt haben, besser mit Frustrationen umgehen können und weniger suchtgefährdet sind.“ Die Kinder, die sich ausschließlich mit Materialien wie Papierrollen, Kartons, Joghurtbechern oder Stoffen beschäftigen, werden in der Zeit intensiv begleitet und erhalten – wenn nötig – Anregungen und Hilfestellungen bei ihren Handlungen. - kes

Von Kerstin Zacharias

Ein Blick zurück: Es ist der Tag nach Aschermittwoch. Wo zuvor noch ausgelassen und bunt Karneval gefeiert wurde, ist an diesem Morgen aufräumen angesagt. Oder vielmehr: einräumen. Denn mit Beginn der Fastenzeit verschwinden Puppen, Lego, Autos & Co. in Kisten, Kartons und Säcken. Dass die Mädchen und Jungen eifrig mithelfen, versteht sich von selbst. Und während die Kleinen mit vollen Händen die Duplo-Steine in die blauen Säcke schaufeln, nehmen die Großen die Puzzle und Spiele unter die Lupe und kontrollieren, ob noch alles in der richtigen Schachtel ist. Was keinen Platz auf dem Dachboden findet, wird „versteckt“ und abgehängt – damit der Blick gar nicht erst abgelenkt wird. Was bleibt, sind leere Regale und aufgeräumte Räume, das Mobilar sowie Decken und Kissen.

Das nutzen, was vorhanden ist

Für die Kinder heißt es jetzt, das Vorhandene zu nutzen, kreativ zu werden und sich etwas auszudenken: Tische, Stühle und Kisten werden kurzerhand in einen Bewegungsparcours verwandelt, im großen Flur finden sich Groß und Klein zum Versteckspielen ein, aus Kissen und Decken entstehen die schönsten Höhlen. Doch dabei taucht das erste Problem auf: Womit befestigen? „An dieser Stelle werden bei den Kindern Denkprozesse eingeleitet“, erklärt Einrichtungsleiterin Dörthe Buhl. „Weil ihnen nichts vorgegeben wird, sind sie gezwungen, sich eine Lösung zu überlegen.“ Und so wird ganz schnell der Wunsch nach Wäscheklammern und Schnüren laut – in einer Gemeinschaftsaktion gelingt schließlich das Projekt.

„Die Herausforderung ist jedes Jahr neu“

Die leere Schublade wird kurzerhand in ein Babybett verwandelt – Kreativität ist eben alles.

Seit mittlerweile sechs Jahren läuft das Projekt „Spielzeugfreie Zeit“ in der Einrichtung an der Kalver Straße – und Dörthe Buhl und ihr Team sind jedes Jahr aufs neue von den Reaktionen, Entwicklungen und Herausforderungen überrascht. Denn: „Jedes Jahr ist anders“, weiß Buhl um die Unterschiede der einzelnen Charaktere und Bedürfnisse der Kinder, die sich natürlich im Laufe eines Jahres ebenfalls verändern. Und doch, davon sind Buhl und ihre Kolleginnen überzeugt, gehen die Mädchen und Jungen gestärkt aus dieser Zeit heraus, haben ihren Sinn für Gemeinschaft, Kommunikation, aber auch Kreativität und Fantasie gefestigt.

„Wann haben Kinder schließlich noch die Möglichkeit, völlig ungestört und vor allem unabgelenkt spielen zu können, mal zur Ruhe zu kommen? Vieles würden wir im normalen Alltag nicht aus ihnen herauslocken“, erklärt Dörthe Buhl. Durch die Konzentration auf das Wesentliche und ohne Vorgaben, etwas tun zu müssen, seien die Kinder gezwungen, Ideen zu entwickeln, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Und aller Skepsis zum Trotz: Es funktioniert. Denn natürlich würden die Mädchen und Jungen begleitet und beobachtet und in ihren sozialen Kompetenzen unterstützt.

Spielzeugfreie Zeit in der Kita „Die Arche“

Zeitsprung: Es ist die mittlerweile dritte Woche der spielzeugfreien Zeit – und das kreative Handeln hat einen großen Raum eingenommen. Aus Mangel an den üblichen Bastelmaterialien bringen die Mädchen und Jungen tütenweise Material mit: Ein riesiger Karton wird über mehrere Tage und als Gemeinschaftsaktion in ein buntes Spielhäuschen verwandelt, große Papprollen dienen als Labyrinth, aus Eierkartons, Klopapierrollen und Joghurtbechern entstehen dank Kleister kreative Skulpturen. Und auch selbst gemachte Knete kommt zum Einsatz und lässt die Kinder sich auf das konzentrieren, was sie haben: Ihre Hände. „Die Angebote, die wir den Kindern jetzt machen, werden natürlich viel offener angenommen als in der Zeit mit Spielzeug – dann gibt es zu viele Dinge, die sie ablenken“, wissen Buhl und ihr Team, dass beispielsweise das Vorlesen einer Geschichte eine ganz neue Priorität bekommt.

Die Erkenntnis: „Ich kann auch mal ohne!“

Dieser Karton wäre eigentlich im Container gelandet – im Gemeinschaftsprojekt wurde daraus ein buntes Spielhäuschen.

Und dann steht schließlich das Osterfest vor der Tür, das Ende der Fastenzeit und damit das Auslaufen des Projektes. Nach und nach bekommen die Arche-Kinder nun ihr Spielzeug zurück, wobei sie selbst entscheiden dürfen, was sie als erstes wieder haben wollen: „Und das sind meistens die Puppen und Autos – ganz klassisch“, weiß Buhl. Ihr Fazit nach einem für alle spannenden Projekt fällt auch in diesem Jahr positiv aus: „Die Zeit hat den Kindern Erfahrungen ermöglicht, die sie sonst nie gemacht hätten und die sie fürs Leben gestärkt haben.“ Denn was stärkt einen mehr als die Erkenntnis „Ich kann auch mal ohne...“

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