Stilistische Experimente

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Körperspannung pur: Das Spellbound Contemporary Ballett zählt zu den besten Ensembles Italiens.

LÜDENSCHEID - Ein ungewöhnlicher Abend war’s in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist Lüdenscheid eine Stadt, in der Ballett in allen Variationen durchaus einen Stellenwert hat, zum anderen war mit dem Spellbound Contemporary Ballett gestern Abend eines der besten Ensembles Italiens im Kulturhaus zu Gast. Die Zuschauer allerdings hätte man fast schon bequem durchzählen können.

Von Jutta Rudewig

Und auch für die, die da waren, wurde es ein ungewöhnlicher Abend, ist doch die landläufige Vorstellung eines Balletts immer noch behaftet mit trippelnden Tänzern und leichtgewichtigen Damen in romantischen Tutus á la Giselle, die bis zur Wade reichen. Ballettänzerinnen wie Sofia Barbiero, Maria Cossu, Alessandra Chirulli, Gaia Mattioli, Giuliana Mele und Marianna Ombrosi von der italienischen Compagnie in weißen Malerhemden oder kurzärmligen T-Shirts gehören da doch zur Ausnahme. Auch die Herren Giovanni La Roca, Mario Laterza und Giacomo Todeschi stellten eher leicht bekleidet tanzend ihre Muskeln zur Schau. Vier musikalische Collagen hatte Choreograf Mauro Astolfi mit nach Lüdenscheid gebracht. Ballett, kombiniert mit klassischer Musik von Bach und dem schwedischen Jazz-Bassisten Lars Danielsson leitete den Abend ein, das tänzerische Zusammenspiel von Mann und Frau, sie am Boden, er als galanter Helfer. Dem 16-minütigen Entrée folgte mit „How to pray“ (Garth Knox) eine weitere Collage in kontinuierlichen Bewegungen und voller Spannung und Dichte, die deutlich unterstrich, warum das Spellbound Contemporary Ballett seinen Ruf genießen darf.

Auch im zweiten Teil kein Bühnenbild, der Blick blieb auf die Tänzer konzentriert, die Mauro Astolfis erstes Duett für zwei Herren zeigten, trefflich beleuchtet durch die Lichtkunst von Marco Policastro. Das Herzstück der Aufführung war dann eine Collage, die bereits 2009 ihre Premiere feierte: „Downshifters“, diejenigen, die sich urplötzlich für eine andere Richtung entscheiden und ihre wahre Leidenschaft entdecken. Hier spielte die Compagnie ihr ganzes Können aus, mal mit dem gesamten Ensemble, mal im Duett, mal mit klassischen Elementen des Balletts, dann wieder mit dem eigenen Stil, ständig in Bewegung, unter Spannung, purer, abstrakter Tanz.

Die Compagnie steht heute für den hohen Standard der italienischen Tanzkunst und das nicht zuletzt durch ihren unverwechselbaren Stil. Seit ihrer Gründung 1994 widmet sich sie sich der Suche nach neuen choreographischen Wegen, der Erforschung und dem Mix von Tanzstilen. Sie ist zu einer Plattform für stilistische Experimente geworden und soll, so ließ der norddeutsche Veranstalter Wolfgang Grevesmühl im Vorfeld wissen, die Lücke der Theaterbesucher zwischen 20 und 40 Jahren schließen. Gestern Abend war neben italienischen Gästen und Kindern eben diese Altersklasse auszumachen. Ziel erreicht – nur ein paar mehr hätten’s durchaus sein dürfen.

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