Gaswerk für Lüdenscheid: Neue Epoche bricht 1858 an

1902 zog die Gasgesellschaft in den damaligen Neubau an der Lennestraße um.

Lüdenscheid - Mit unserer Bilder-Serie "Spaziergänge durch Lüdenscheid" laden wir zu Reisen in die Vergangenheit ein. Der 17. Spaziergang erzählt über das Gaswerk. So brach 1858 in Lüdenscheid eine neue Epoche an.

Vor knapp 160 Jahren schloss die Stadt Lüdenscheid mit dem Gasingenieur Ritter aus Duisburg einen Vertrag über die Errichtung einer „Gasfabrik“, deren Ziel es war, die Straßen und Plätze Lüdenscheids mit Gaslicht zu versorgen. Auch private und gewerbliche Abnehmer sollten zu den Kunden gehören können.

Die Serie

Die Beiträge für den Bilderspaziergang sind dem Buch „Die Lüdenscheider Straßennamen“ von Gerhard Geisel und Dietrich Leutloff entnommen. Die Autoren haben sie für unsere Zeitung verändert, ergänzt und zum Teil völlig neu erarbeitet. Die Bilder stammen aus dem Archiv der Stadt Lüdenscheid, den Sammlungen W. Schumacher und B. Schmidt sowie aus Privatbesitz. 

Die Zeit der Öllaternen, die seit 1826 die Straßen eher spärlich beleuchteten, war vorüber. Auch wenn man die Entscheidung des Magistrats als weitsichtig ansehen muss, barg sie doch gewisse Risiken.

Man setzte auf „Stadtgas“, das durch Entgasen von Steinkohle unter Luftabschluss in Kammeröfen gewonnen wurde, eine noch relativ neue Technologie.

Eisenbahnlinie bis nach Lüdenscheid

Zudem musste die Steinkohle mit Pferdekarren herbeigeschafft werden. Erst 1874 wurde die Eisenbahnlinie bis Brügge fertiggestellt, 1880 die bis Lüdenscheid.

Die Stadtvertretung hatte die Errichtung einer städtischen „Gasbeleuchtungsanstalt“ in Eigenregie ins Auge gefasst. Die zu erwartenden Einnahmen hätten dem notorisch klammen Stadtsäckel gut getan.

Heute würde man sagen: Privater Investor musste her

Man musste dieses Vorhaben aufgeben, weil der Stadt bei hoher Verschuldung die Mittel für eine solche Investition fehlten. Um dennoch zum Ziel zu kommen, bediente man sich eines privaten Investors, wie man heute sagen würde.

Die Stadt schloss mit Ritter einen Versorgungsvertrag, den sie nach 30 Jahren kündigen konnte. Sie musste allerdings der Aktiengesellschaft, in die Ritter seine Anteile überführt hatte, alle Einrichtungen der Gesellschaft abkaufen, um sie danach in Eigenregie weiterführen zu können.

Eine Vertragsverlängerung mit dem Gasanbieter um weitere 20 Jahre war möglich, danach fielen alle Einrichtungen der Aktiengesellschaft kostenfrei an die Stadt.

Noch heute heißt die Straße, an der 1858 mit der Gasproduktion mitten in der Stadt begonnen wurde, Gasstraße.

Sechs Jahrzehnte währende Streitigkeiten

Die Gasfabrik wurde an der nach ihr benannten Straße erbaut und nahm ihre Arbeit mit drei Gaserzeugungsöfen auf (Foto rechts). Leider stand die Gasversorgung der Stadt von Anfang an unter keinem guten Stern. Beinahe 60 Jahre lang währten die Streitereien der Stadt mit dem Unternehmen.

Schon am Tag der ersten Einspeisung des Gases ins Netz, dem 18. März 1858, waren die Gasleitungen vereist und man musste auf die alten Ölfunzeln zurückgreifen. Ritters Gesellschaft gelang es auch nicht, wie versprochen, „Gas von reinster Qualität“ abzuliefern, selbst der versprochene Beleuchtungsplan wurde nicht eingehalten.

Gaspreise deutlich über denen anderer

Die Stadt erhob daraufhin die vertraglich vereinbarten Konventionalstrafen. In der Bürgerschaft wuchs zudem der Unmut über die Gasgesellschaft, weil die örtlichen Gaspreise über denen anderer Gesellschaften lagen.

Es bildete sich eine „Bürgerinitiative“, die zum Gasboykott aufrief, um eine „billige Beleuchtung“ zu erzwingen. Der Initiative, die mit ihrem Ansinnen 1868 Erfolg hatte, gehörten namhafte Fabrikanten der Stadt wie auch sämtliche Pfarrer an. 1870 stellte die Gesellschaft vorübergehend die Gaslieferungen ein. Die Gründe sind uns nicht bekannt.

Hier geht es zu der Serie:

Ein Rundgang durch "Alt-Lüdenscheid"

1888 hätte die wenig gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Stadt und Gasgesellschaft enden können. Der Magistrat kündigte fristgerecht im Jahre 1886, um dann zwei Jahre später feststellen zu müssen, dass der Stadt die Mittel zum Kauf fehlten.

So ging die konfliktreiche „Zusammenarbeit“ zwischen Stadt und Gasgesellschaft bis zum Jahre 1916 weiter. Erst dann übernahm die Stadt das Gaswerk und sorgte für Einnahmen in den Stadtsäckel.

Das aus Steinkohle hergestellte Gas ist wegen seines Kohlenstoffmonoxid-Anteils giftig. Daher setzte man ihm Geruchsstoffe zu, um unbeabsichtigtes Austreten schnell erkennen zu können.

Auch bei der Produktion des Gases entstehen erhebliche Geruchsbelästigungen. Nachdem man 1890 das Gaswerk an der Gasstraße noch einmal erweitert hatte, mehrten sich die Beschwerden aus der Bevölkerung wegen des Gestanks.

Die Gasgesellschaft hatte ein Einsehen und zog 1902 zur Lennestraße in einen Neubau um.

Hier finden Sie alle Teile unserer Spaziergang-Serie "Lüdenscheider Straßennamen"

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