Das Walderziehungsheim Spielwigge

Ein Schulgebäude mit Schülern mitten im Wald – Spielwigge.

Lüdenscheid - Mit unserer Bilder-Serie "Spaziergänge durch Lüdenscheid" laden wir zu Reisen in die Vergangenheit ein.  Diesmal begeben wir uns in ein Schulgebäude mitten im Wald, und zwar nach Spielwigge.

Die Serie

Die Beiträge für den Bilderspaziergang sind dem Buch „Die Lüdenscheider Straßennamen“ von Gerhard Geisel und Dietrich Leutloff entnommen. Die Autoren haben sie für unsere Zeitung verändert, ergänzt und zum Teil völlig neu erarbeitet. Die Bilder stammen aus dem Archiv der Stadt Lüdenscheid, den Sammlungen W. Schumacher und B. Schmidt sowie aus Privatbesitz.

Ein Schulgebäude mit Schülern mitten im Wald. Eine Schulkasse lernt unter Bäumen den Lehrsatz des Pythagoras – Spielwigge war Schulort des Höheren Knabeninstituts gleichen Namens. Die Schule wurde als „Walderziehungsheim“ geführt und nahm Schüler aus ganz Deutschland, gelegentlich auch aus dem Aus-land auf. 1858 hatte der Lehrer J.D. Lüttringhaus hier mit 17 Schülern seine Arbeit aufgenommen. Er hatte zuvor 18 Jahre in der Schule Wesselberg im öffentlichen Schuldienst gearbeitet. Seine Stellung dort gab er auf, um sich ganz seiner Idee einer Privat,- Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben zu widmen. Er erwarb das 100 Morgen große Bauerngut Spielwigge, um dort eine Schule einzurichten.

In einem Nachruf auf Lüttringhaus hieß es: „Was er dort geleistet hat, davon zeugen heute zahlreiche Männer, die eine gesicherte und geachtete Stellung einnehmen im bürgerlichen Leben wie im Staatsdienst. Was durch Erziehung überhaupt zu ermöglichen war, auf der Spielwigge wurde es erreicht; was in Schule und Elternhaus vorher oft gesündigt wurde, hier wurde es wieder gut gemacht.“ Das erhobene Schulgeld von 132 Mark monatlich war erheblich, wenn man bedenkt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts ein Arbeiter etwa 50 bis 60 Pfennige am Tag verdiente.

Nach dem Tode Lüttringhaus´ übernahm sein Schwiegersohn Herrmann Sturm 1877 das Institut, das auf beinahe 100 Schüler angewachsen war. Ihm folgte Dr. Emil Rentrop, Schwiegersohn Sturms. Letzter Leiter der Schule, die 1939 aufgelöst wurde, war Dr. Theodor Winter.

War die Pädagogik der Schule nun Zwangsanstalt und Paukschule für schwierige Knaben oder ein Institut versponnener Naturfreunde? Von beidem wohl ein wenig. Es wurde auf wissenschaftliche Erziehung und gesundheitliche Förderung der Jungen großen Wert gelegt. Mit behördliche Genehmigung gab es das Fach „Naturverbundenheit.“ Da das Gut nach wie vor landwirtschaftlich genutzt wurde und das Internat mit den lebensnotwendigen Gütern versorgte, erlernten die Zöglinge auch den Umgang mit Pflanzen und Tieren, denn sie mussten in der Landwirtschaft arbeiten und bei der Ernte mithelfen. Es standen aber auch Theaterbesuche in Lüdenscheid auf dem Programm. Im Sommer wurde im Schwiendahler Teich gebadet.

Neuer Wind wehte 1902 mit dem Einzug des Reformpädagogen Dr. Rentrop

Mit Dr. Rentrop zog 1902 ein neuer Geist in Spielwigge ein. Er war von der Jugendbewegung geprägt, einer Zeitströmung, die sich unter anderem für eine romantische Hinwendung zum Naturleben einsetzte. Man kann auch annehmen, dass Rentrop sich der Reformpädagogik verbunden fühlte, die eine Pädagogik vom Kinde her forderte. Berichten Ehemaliger ist zu entnehmen, dass die Lehrer Spielwigges sich fortan als Freunde der Schüler und nicht als „Bakelschwinger“ (Bakel = Rohrstock) verstanden. Es gab daher immer weniger Anlass das bekannte Spielwigger Lied „Es steht ein Haus im Sauerland, da gibt es viele Keile“ anzustimmen. Kameradschaft unter den Schülern war Erziehungsziel.

Hier geht es zu der Serie:

Ein Rundgang durch "Alt-Lüdenscheid"

Einige der Zöglinge des Instituts erlangten Bekanntheit, so zum Beispiel der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Manfred Luda aus Meinerzhagen und der ehemalige DGB-Chef Heinz Oskar Vetter. Mit Ablauf des Schuljahres 1938/39 schloss die Schule ihre Pforten. Vorgeblich, weil die Witwe des letzten Eigentümers das Anwesen verkaufte.

Mit Blick auf den Zeitpunkt der Schließung wird man fragen müssen, ob nicht ein Konflikt zwischen den Erziehungsideal der Schule und den Vorstellungen der Nationalsozialisten zur Schließung führte.

Hier finden Sie alle Teile unserer zweiten Spaziergang-Serie "Lüdenscheider Straßennamen"

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