Gesundheitsminister Spahn stellt sich den Corona-Fragen der Lüdenscheider

Spahn in Lüdenscheid zu Corona: „Dauerwelle“ statt zweite Welle

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Politprofi auf der Wahlkampfbühne an der Hohen Steinert: Gesundheitsminister Jens Spahn stellte sich den Fragen der Lüdenscheider.

Lüdenscheid – Dass in Zeiten der Corona-Pandemie immer mal wieder irgendwo irgendwas knapp ist, daran hat sich der Deutsche gewöhnt. Dass es aber schon vor dem Auftritt des Hauptredners an Löffeln für den Kaffee mangelt – es ist dann auch fürs Personal des Biergartens an der Hohen Steinert neu.

„Meistens gehen eher die anderen Getränke“, sagt die Kellnerin entschuldigend und reicht stattdessen einen Strohhalm. Es ist ja auch erst früher Nachmittag, die Gäste sind andere als in den Abendstunden – alle in Erwartung des Bundesministers für Gesundheit. Jens Spahn auf Wahlkampftour in Lüdenscheid. Dann fährt die dunkle Limousine mit Berliner Kennzeichen vor, ist der 40-Jährige aus dem Münsterland da. Dunkelblauer Anzug, Hemd, Krawatte, dazu eine herkömmliche OP-Maske. 

Staatsmännisch ist der Auftritt auf der Bühne neben CDU-Landratskandidat Marco Voge und dem Lüdenscheider Bürgermeisterkandidat Christoph Weiland, der den Besuch des nationalen Krisenmanagers, zu dem Spahn in Zeiten der Pandemie aufgestiegen ist, in seiner Stadt moderieren darf. Ärzte sind gekommen und hören gespannt zu, natürlich auch Pflege- und Rettungskräfte, denn als „Tag der Pflege- und Rettungskräfte“ hat die CDU den Auftritt Spahns deklariert. Aber auch Schausteller sind im Biergarten, den es ohne die Pandemie so nicht gäbe. Aus Essen Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, dazu Patrick Arens, Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute. Gesichter, die Spahn in der Menge der 250 Besucher, die die CDU in den Biergarten gelassen hat, direkt erkennt. 

Bekenntnis gegen eine Impfpflicht

Spahn soll für die CDU, für Weiland und Voge werben und macht das auch, erst aber wirbt er für seine Politik, die in schwierigen Zeiten nicht unumstritten ist, auch nicht an diesem Tag in Lüdenscheid. Dass Kollegen aus anderen Ländern die vielen kritischen Stimmen in seinem Land nicht verstehen würden, sagt der Bundesminister. 

Gesundheitsminister Jens Spahn zu Besuch in Lüdenscheid

„Bis hierhin sind wir in Deutschland gut durch die Krise gekommen, auch wenn es im Alltag immer mal wieder ruckelt“, sagt Spahn, sieht eine Mehrheit hinter sich, die es richtig finde, gegenseitig aufeinander aufzupassen. Seine klare Priorisierung: Erst einmal die zuletzt wieder gestiegenen Zahlen der Infektionen vor dem Hintergrund des Starts von Kitas und Schulen, zudem den vielen Reiserückkehrern stabilisieren. Für den Handel und die Wirtschaft. Danach erst andere Dinge: Feiern, Volksfeste, Weihnachtsmärkte, Karneval. „Ich bin nicht der Spielverderber“, sagt Spahn, „ich feier auch gerne. Das Virus ist der Spielverderber...“ 

Spahn spricht dann davon, dass es keine absolute Wahrheit gebe, dass es immer um die richtige Balance zwischen Risiko und Sicherheit gehe, dass man wachsam und ernsthaft sein müsse, ohne in Endzeitstimmung zu verfallen. „Wir müssen die Dynamik brechen, bevor sie uns entgleitet.“ Noch so ein Satz, den er nicht nur auf dieser Bühne zum Besten gibt. Und dann noch der Aufruf, gesprächsbereit zu bleiben, auch wenn man sehr unterschiedliche Blickwinkel auf die Krise habe. Bei Facebook sei jeder in seiner eigenen Echokammer unterwegs – das gefällt dem Minister natürlich nicht... Und die Lüdenscheider? Sie haben Fragen aufschreiben dürfen. Einer will wissen, wann der zweite Lockdown kommt. 

Freigabe ohne Phase-3-Studien werde es nicht geben

Vom Begriff „zweiter Lockdown“ halte er nicht viel, sagt Spahn, auch nicht von einer zweiten Welle. „Eher schon ist es eine Dauerwelle“, sagt er, „aber mit den heutigen Erfahrungen um Masken und Hygienekonzepte wird es nicht notwendig sein, den Einzelhandel oder den Besuch beim Friseur wieder einzuschränken.“ Auf die Frage nach dem Impfstoff bezieht der Gast konkret Stellung: So schnell wie noch nie in der Menschheitsgeschichte werde der Impfstoff kommen, sagt Spahn, rechnet aber nicht mehr in diesem Jahr damit. Eine Freigabe ohne Phase-3-Studien werde es keinesfalls geben und auch keine Impfpflicht. Auch jeden Fall sei so ein Stoff genauso wie ein wirksames Medikament bei schweren Fällen der „Gamechanger“ – also der Stoff, der alles verändern würde. Anderes Thema, Gleichbehandlung. Kostenlose Tests für Reiserückkehrer, aber nicht in der Pflege? Spahn spricht von Grundfesten des solidarischen Systems und davon, dass Menschen sich entziehen würden, wenn es etwas koste. 

Aber er sagt auch, dass man im Herbst die Tests wieder umverlagern wolle in Richtung anderer Bereiche, auch in die Pflege. Prämien in Altenheimen und Krankenhäusern? Attraktivität für den Pflegeberuf? Spahn, der vorher die Themen bestimmt hat, gerät in die Defensive, wird zum Verteidiger der Regierungspolitik. „In Niedersachsen und im Osten haben sich die Pflegekräfte schon über einen deutlich höheren Lohn gefreut“, sagt Spahn – dort, wo er noch niedriger war als in seinem Bundesland. Bestände von Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung? Spahn sieht Deutschland da inzwischen gut aufgestellt. „Wir wissen jetzt, dass es sich nicht in China entscheiden darf, ob wir in Lüdenscheid, Rom oder Warschau genug Masken haben“, sagt er und plädiert für eine heimische Produktion. Doch noch ist Spahn nicht entlassen, der härteste Brocken wartet noch. „Unsere Branche liegt seit acht Monaten brach“, sagt Albert Ritter, der Schausteller-Präsident, „ein Kirmesplatz ist doch nichts anderes als eine Strandpromenade oder eine Fußgängerzone. Wenn die Weihnachtsmärkte nicht kommen, können wir unsere Mitarbeiter alle zu Amazon schicken – die suchen ja neue Kräfte...“ 

500 Gäste im Live-Chat

Ritters Plädoyer im „kirmestypischen Biergarten“ ist eines voller Leidenschaft. „Schausteller sind doch die, die Licht ins Dunkel der Welt bringen“, sagt er, „wir wollen nicht in die soziale Hängematte. Wir wollen selbst arbeiten – und wenn das nicht geht, wollen wir wenigstens unbürokratische finanzielle Hilfe.“ Spahn hört es und verspricht, es mitzunehmen nach Berlin, auch die Sorgen eines Lüdenscheider Unternehmers. 

Er spricht dann noch von einem Pakt für die Gesundheitsdienste („Man merkt jetzt, wie wichtig dieser Bereich ist.“), davon, dass Apotheken vor Ort belohnt werden müssen, wirbt für Weiland, Voge und die Corona-App. Und natürlich für Digitalisierung. „Dass ein Labor Ergebnisse per Fax ans Gesundheitsamt mitteilt, passt nicht mehr in die Zeit“, sagt er. Auch da widerspricht niemand. Natürlich nicht. Dann ist Jens Spahn schnell wieder weg – vorbei an einer Kritikerin auf dem Schützenplatz vor dem Biergarten, die ihm mit einem Schild mitteilt, was sie von seiner Behandlung der Pflegekräfte hält („Herr Spahn, als Pflegerin und Oma sage ich Ihnen: Sie laden Schuld auf sich...“). Christoph Weiland gönnt sich derweil im Biergarten eine Schale Fritten von der Schausteller-Bude. Er ist zufrieden. 

Die Veranstaltung ausverkauft, zeitweilig 500 Besucher gleichzeitig auf dem Live-Chat bei Facebook, viel Arbeit für die Moderatoren im sozialen Netzwerk, weil so mancher Kommentar die Grenzen überschritten hat. Aber Ruhe im Biergarten. „Wir hatten 200 Fragen, viele davon hat er beantwortet“, sagt Weiland, „auch kritische Fragen.“ Kein Hurra-Wahlkampf, aber dem Bürgermeisterkandidaten hat’s gefallen. Und den anderen Gästen? Eine Ärztin sagt: „Was er erzählt hat, kann man ja eigentlich fast jeden Tag hören. Aber ich wollte ja eigentlich auch die anderen Kandidaten sehen und hören, die kannte ich ja noch gar nicht.“ Das hat sie nun, deshalb geht sie gar nicht enttäuscht nach Hause. Der Nachmittag hat seinen Zweck erfüllt.

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