Nah an der Belastungsgrenze

Spagat der Tagesmütter im MK: Zwischen Tageskindern und den eigenen

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Während die Tagespflegekinder fröhlich spielen, wird nebenan gelernt. So sieht es in vielen Tagespflegefamilien gerade aus und bringt die Familien an ihre Belastungsgrenze..jpg

195 Kinder werden derzeit von 70 Tagespflegepersonen betreut. Der Alltag in Zeiten der Corona-Pandemie ist für die Pflegepersonen oft nur schwer zu bewältigen.

Lüdenscheid - Im Zimmer nebenan findet Unterricht statt. Mathematik per Videokonferenz. Konzentriert wird dort verfolgt, wie die Berechnung von Flächen und Umfängen funktioniert. Ganz klar, dafür braucht es Ruhe.

Ortswechsel: Auch bei Familie Maiworm sind Videounterricht und Aufgaben für die Schule zu erledigen. Allerdings sitzt Gymnasiastin Lotta nicht alleine zu Hause vor ihrem Computer, sondern ist von ihren drei jüngeren Geschwistern und zusätzlich vier Tageskindern umgeben. Ihre Mutter Laura ist Tagesmutter und betreut die Kinder im Alter von einem und zwei Jahren an bis zu fünf Tagen in der Woche. Nicht nur für Lotta ist die Situation gerade schwierig, auch für ihre Mutter: „Ich kann Lotta nicht helfen, während ich die Tageskinder betreue. Und da die Aufgaben zum Großteil bis zum Mittag erledigt und abgegeben sein müssen, muss sie alleine zurecht kommen oder Freunde und Lehrer fragen“, sagt sie.

195 Tageskinder

Ähnlich wie bei Familie Maiworm, sieht es auch in anderen Familien aus, die als Tagespflegestelle Kinder berufstätiger Eltern betreuen. „195 Kinder werden in Lüdenscheid von 70 Tagepflegepersonen betreut“, weiß Stefanie Dittmar, Ansprechpartner für die Kindertagespflege im Jugendamt der Stadt. „Momentan ist die Auslastung sehr hoch“, sagt sie und betont, dass die aktuelle Situation der Pandemie alle vor große Herausforderungen stellt. „Viele Eltern stoßen hier an ihre Belastungsgrenzen.“

Nach einer internen Umfrage, die der Verein Tages- und Pflegeeltern Mitte Januar unter den Tagepflegepersonen gemacht hat, lag die Auslastung der Pflegestellen bei 82 Prozent. Eine Stundenreduzierung, wie es sie in vielen Kindertagesstätten gibt, gibt es hier allerdings nicht. Zudem betreuen mehr als die Hälfte der Tagespflegepersonen, nämlich 51 Prozent, parallel noch ihre eigenen Kinder.

„Man ist zerrissen.“

Der Tag für Kristin Künnemann beginnt um 4.45 Uhr. Später aufstehen? Das funktioniert für die Tagesmutter einer Großpflegestelle nicht. Um 7.15 Uhr kommen die ersten Kinder und bis dahin muss sie den Tag für ihre eigenen drei Kinder vorbereitet haben. Während Künnemann die neun Tageskinder betreut, müssen ihre eigenen Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren zu Hause alleine zurecht kommen. „Man ist permanent zerissen“, gibt sie zu. Auf der einen Seite die Bedürfnisse der eigenen Familie, auf der anderen die Bedürfnisse der Tageskinder und ihrer Familien. Die physische und psychische Belastung zerrt an den Nerven der Tagesmutter. „Ich laufe am Krückstock“, gibt Künnemann zu.

Hinzu kommt das Risiko, dass Tagesmütter in Zeiten wie diesen durch die Betreuung fremder Kinder tragen. „Die Kindertagespflegepersonen betreuen nahezu schutzlos. Masken werden vorrangig im Umgang mit anderen Erwachsenen getragen, aber aufgrund des Kindeswohls nicht im Umgang mit den Kindern“, erklärt Anja Bause, 2. Vorsitzende des Vereins Tages- und Pflegeeltern die Situation. „Wir machen diesen Job mit viel Herzblut. Wir wollen keine Helden sein, sondern wahrgenommen werden und nicht mehr täglich mit Angst um die Familien arbeiten, da die Arbeit meisten bei uns zu Hause stattfindet, im direkten Kontakt mit den eigenen Kindern oder Risikopersonen innerhalb der Familie“, so Bause weiter.

„Dennoch versuchen Sie denen eine Betreuung anzubieten, die es wirklich nötig haben. Das kann man nicht genug wertschätzen“, ergänzt Stefanie Dittmar. „Die Eltern meiner Tageskinder arbeiten in der Pflege, die können nicht einfach zu Hause bleiben“, sagt auch Laura Maiworm. Kristin Künnemann sieht aber auch die Gratwanderung die daraus entsteht: Weder die eigene noch die Familie der Tageskinder zu enttäuschen. „Jeder ist sich gerade der Nächste“, findet sie.

Gutes Netzwerk

Verständnis auf beiden Seiten und eine Kompromissbereitschaft, das sind die Pfeiler, auf die die Kindertagespflege setzt. Denn hier gibt es keine Notgruppen, wie in den Kitas, hier wird ein Großteil der Kinder wie bisher betreut. „Wir haben in Lüdenscheid sowohl beim Jugendamt als auch beim Tupf eine Fachberatung mit verlässlichen Ansprechpartnern und ein gut funktionierendes Netzwerk mit vielen engagierten Tagespflegepersonen. Und diese leisten gerade einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung dieser Krise“, sagt Stefanie Dittmar.

Weniger Appelle

Und gerade deshalb sollte auch die Sicherheit der Tagesmütter Priorität haben. Doch darum müssen sich die Tagspflegepersonen derzeit selbst kümmern. Sechs kostenlose Schnelltests wurden ihnen vom Land bis zu den Osterferien genehmigt. Doch die schützen ja nicht die Tagesmütter, sondern die betreuten Kinder und deren Familien.

Anja Bause würde sich hierzu klarere Aussagen der Regierung wünschen und nicht nur Appelle. „Tests für Kinder mit Symptomen, Tests für Kinder positiv getesteter Eltern und eine finanzielle Sicherheit, wenn aus verantwortungsbewusstem Umgang nicht betreut werden kann, würden dem gerecht, was die Kindertagespflege derzeit leistet“, meint sie.

„Die Stadt hat viele Dinge schnell und gut umgesetzt. So sind etwa Masken an die Tagespflegepersonen ausgegeben worden und es besteht die Möglichkeit, sich kostenlos testen zu lassen“, betont Stefanie Dittmar und weist zugleich darauf hin, dass viele Entscheidungen Bundes- oder Landesentscheidungen seien, die auch die Stadt nicht beeinflussen könne.

„Ich bin angeschlagen“

Am späten Nachmittag werden die Kinder nach und nach von ihren Eltern aus den Kindertagespflegestellen abgeholt. Feierabend für die Tagemütter könnte man meinen. Doch weit gefehlt. In ihren eigenen Familien wird jetzt das erledigt, wozu bis jetzt keine Zeit blieb. Die Hausarbeit gehört dazu, aber auch die liegen gebliebenen Schulaufgaben. Katrin Künnemanns Jüngste ist gerade erst in die Schule gekommen und braucht dabei noch viel Hilfe. So ähnlich sieht es auch bei Familie Maiworm aus. Tochter Lenia geht in die zweite Klasse und braucht Zuspruch und Unterstützung nicht nur bei den Schulaufgaben: „Dafür ist am Vormittag einfach keine Zeit und keine Ruhe“, sagt ihre Mutter. Hinzu kommen die Hobbys der Kinder, die in Pandemiezeiten ebenfalls auf Distanz stattfinden. „Da bin ich dann schon froh, wenn ich gegen acht oder halb neun abends endlich auf der Couch sitze“, sagt Laura Maiworm.

Als Alleinerziehende ist für Katrin Künnemann erst am späten Abend Feierabend. „Ich verstehe, dass die Situation gerade für alle wahnsinnig schwierig ist, aber ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergehen soll“, sagt sie. Die letzten Wochen haben nicht nur an ihren Nerven gezehrt, sondern auch an ihrer Gesundheit. „Du musst das jetzt durchhalten“, sagt sie sich immer wieder selbst. Aber wie lange noch? „Ich bin angeschlagen“, verrät sie. Und trotzdem wird auch am Dienstagmorgen ihr Wecker wieder um 4.45 Uhr klingeln und sie wird organisieren, was zu organisieren ist – für ihre eigenen Kinder und für ihre Tageskinder. So, wie eine Mutter und eine Tagesmutter das eben tut.

Ansprechpartner für die Kindertagespflege

Jana Daube, Fachberatung Kindertagespflege Tages- und Pflegeltern Lüdenscheid, steht als Ansprechpartnerin für interessierte Eltern zur Verfügung: „Wir befinden uns mitten im Betreuungsjahr, gerne unterstützen wir bei der Vermittlung von Kindertagespflegepersonen ab August 2021“. Möglich ist dies unter fachberatung@tupf-luedenscheid.de oder telefonisch unter der Rufnummer 01 60 / 98 62 81 10.

Auch Stefanie Dittmar vom Pflegekinderdienst, Fachberatung Kindertagespflege im Jugendamt der Stadt, unterstützt interessierte Familien. „Momentan ist die Auslastung sehr hoch. Ab Sommer werden aber wieder einige Plätze frei. Dafür sollten sich die Eltern frühzeitig melden.“ Möglich ist dies unter Tel. 0 23 51 / 17 13 83 oder per E-Mail an stefanie.dittmar@luedenscheid.de

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