Die späte Sucht der Telefonkarten-Diebin

Lüdenscheid - Die Klinikleitung in Hellersen warnt ihre Patienten regelmäßig davor, das Krankenzimmer zu verlassen und die Telefonkarte stecken zu lassen. Dass zahlreiche Patienten das ignorieren, davon profitierte eine heute 44-jährige Diebin. Im Januar und Februar vergangenen Jahres schlich die Fraulaut Anklage über die Stationen des Klinikums, zupfte Karten aus den Telefonen und ließ sich die Restbeträge darauf am Automaten ausbezahlen. Jetzt muss sie sich vor Strafrichter Thomas Kabus dafür verantworten.

Strafverteidigerin Petra Eßer, laut Boulevard-Zeitung Express „Kölns schrillste Rechtsanwältin“, verzichtet auf die große Konfliktstrategie. In ihrer Verteidigererklärung, die sie für ihre Mandantin abgibt, sagt die Juristin: „Sie kann sich gar nicht richtig erinnern. Sie will es nicht direkt abstreiten, aber sie kann es auch nicht zugeben.“ Die Angeklagte, abgemagert und grell geschminkt, trauriger Blick, nickt dazu.

Sie hat ein unauffälliges kleines Leben geführt, als Floristin oder Beiköchin in Restaurants geschuftet, zwei Kinder zur Welt gebracht. Soweit rechtschaffen. Dann – im Alter von 39 Jahren – geriet sie an die falschen Freunde, wie Petra Eßer sagt. Durch Mitbewohner im Haus ließ die Frau sich verführen, Heroin auszuprobieren. Die harte Sucht und die zwangsläufigen Folgen ruinierten ihr Leben. Derzeit ist sie in einer Langzeittherapie. Die Kinder leben in Dortmund und regeln ihr Leben selbst.

„Bis zum Schluss“, sagt die Verteidigerin, habe ihre Mandantin Heroin und Oxazepam genommen – „wir nennen sie Klautabletten, weil sie so gleichgültig machen“. Dass sie im Klinikum war, sagt die Angeklagte, „daran kann ich mich erinnern“. An Einzelheiten nicht. Sie wurde am Automaten fotografiert. „Dann werd’ ich’s wohl gewesen sein.“

Der zusätzliche Vorwurf, sie habe aus dem Wartezimmer einer Arztpraxis an der Hohfuhrstraße einen 700 Euro teuren Parka geklaut, wird gar nicht erst erörtert. Richter Kabus beschließt, die Frau psychiatrisch auf den Grad ihrer Schuldfähigkeit untersuchen zu lassen. Neuer Termin von Amts wegen.

Von Olaf Moos

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