Sozialstunden – „Damit er was zu tun hat“

LÜDENSCHEID ▪ Die Laune des Richters leidet. Er hat keinen Russisch-Dolmetscher engagiert. Nun sitzt einer der beiden Angeklagten da und sagt plötzlich, er könne kein Deutsch. „Wir haben keinen Anhaltspunkt in der Akte, der darauf hindeutet, dass dieser Deutsche die deutsche Sprache nicht spricht.“ Im Gegenteil: Der Mann hat sein Vernehmungsprotokoll – zwei DinA-4-Seiten – bei der Polizei gelesen, genehmigt und unterschrieben. Aber es hilft nichts. Der Angeklagte landet wieder in der Zelle, aus der er hergebracht worden war.

Sein Komplize (19) bleibt – und kann Deutsch. Und berichtet aus seinem Leben. Kein Job, keine Wohnung. Ein „Gammelleben“, wie der Richter meint. „Wann stehen Sie denn morgens auf?“, fragt er. Antwort: „Wenn ich aufwache. So um 10. Ich bin Frühaufsteher.“ Niemand im Saal lacht.

Es ist am Nachmittag des 7. Oktober – Stunden nach dem Aufstehen also – auf einem Fußweg im Bräucken. Der junge Mann und zwei Freunde trinken Wodka, Sangria, Wein – und essen Brot, Schinken und Gurken dazu. Die Polizei hat Bilder von dem Picknick gemacht und in die Ermittlungsakte geheftet.

2,3 Promille hat der Angeklagte intus, als das arglose Opfer vorbeikommt, einen Koffer in der Hand. Der 21-Jährige wird in ein Gespräch verwickelt, es folgen: ein Kopfstoß ins Gesicht, ein Tritt in den Magen, Faustschläge, der Diebstahl des Koffers. Ein Laptop und „sehr wichtige Papiere“ waren darin, erinnert sich der junge Mann. Irgendwie schafft er es, sich seinen Koffer zu schnappen, „und dann bin ich weggelaufen , so schnell wie ich konnte“. Noch jetzt werde er „nevös und zittrig“, wenn er dem Angeklagten gegenübertrete. Der gesteht seine Schuld ein.

Der Richter hat noch eine Akte auf dem Tisch, „ganz frisch reingekommen“. Der Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Arnd Katzke, sagt: „Das ist nicht so schön.“ Diesmal geht es um Diebstahl. Am 14. Januar war der Mandant mit einem Kumpel auf der Werdohler Straße unterwegs, nachts um 4 Uhr. „Da stand eine Haustür offen, und wir haben gedacht, gucken wir doch mal rein.“ Als sie vom Dachboden zurück sind, Flachbildfernseher, Laptop und Handys unterm Arm, ist die Polizei schon da.

Das Urteil ergeht wegen gemeinschaftlichen Raubes in Tateinheit mit Körperverletzung sowie gemeinschaftlichen Diebstahls: drei Wochen Dauerarrest und 60 Sozialstunden. Der Richter: „Damit er was zu tun hat.“

Olaf Moos

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