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Solar-Boom im MK: Mein Haus, mein Auto, mein Strom - was Bauherren beachten müssen

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Von: Hans-Georg Gottfried Dittmann

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Die Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen ist in den vergangenen Jahren auch in Lüdenscheid wieder enorm angestiegen.
Die Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen ist in den vergangenen Jahren wieder stark angestiegen. © Jörn Knobel

Der Strompreis steigt – seit dem Jahr 2000 durchschnittlich um etwas mehr als sechs Prozent pro Jahr. Den eigenen Strom zu erzeugen, wird also immer verlockender.

Lüdenscheid – Und dieser Verlockung geben immer mehr Lüdenscheider nach, weiß Jörn Knobel. Der Elektroinstallateur mit Firmensitz an der Bahnhofstraße ist auf Photovoltaik-Anlagen spezialisiert, er und seine Angestellten setzen aktuell zwei bis drei Anlagen pro Woche auf die Dächer der Kreisstadt, die Auftragsbücher sind voll. „Im Augenblick kann ich mich nicht retten.“

Günstig sind die Anlagen nicht. Die Kosten setzten sich bei jedem Haus aus verschiedenen Komponenten zusammen, sagt Knobel: „Die Anlage, die Speichereinheit und die Installation.“ Sobald ein Interessent eine Anfrage stellt, kann der Elektroinstallateur dennoch zügig eine Kalkulation erstellen.

„Meine erste Frage lautet grundsätzlich: Wo wohnen Sie denn?“ Mit einer speziellen Planungssoftware kann er die einzelnen Parameter wie Form und Ausrichtung des Daches eingeben und danach ein Angebot abgeben. Die Preise variieren stark. Eine Anlage mit Photovoltaik (PV) auf einem Einfamilienhaus mit Speicher kostet um die 16 000 Euro.

90 Prozent der Häuser in Lüdenscheid können autark versorgt werden

Ein eigenes Stromdepot sei wichtig, um die Selbstversorgung auch in der Nacht nutzen zu können, erläutert Knobel. Der Fachmann schätzt, dass etwa 90 Prozent der Häuser in Lüdenscheid autark versorgt werden können. Den Strom, wie vor einigen Jahren noch üblich, ins Netz einzuspeisen, um fünfstellige Investitionen durch den Energie-Verkauf zu amortisieren, seien durch den Subventionswegfall vor etwa sieben Jahren vorbei.

„Zu dieser Zeit ist auch die Nachfrage eingebrochen.“ Erst durch die Fridays-for-Future-Bewegung und die spürbaren Folgen des Klimawandels sei die Nachfrage wieder angestiegen, beschreibt der Elektroinstallateur die Entwicklung in den vergangenen Jahren.

Mit einem Strom-Speicher könne die selbstproduzierte Energie aber über einen ganzen Tag verteilt werden. Knobel schätzt, dass sich nach heutigen Parametern eine Anlage nach acht oder neun Jahren rentiert.

Neuere Stromzähler müssen nicht ausgetauscht werden

Um einen Anschluss beim Netzbetreiber kommt ein PV-Anlagen-Betreiber aber nicht herum. Zum einen muss der überflüssige Strom ins Netz abgegeben werden, zum anderen hat ein Energieversorger die Grundversorgung zu sichern. Aus diesem Grund wird neben der Anlage und dem Speicher noch ein Bezugs- und Lieferungszähler eingebaut, der den Transfer zwischen Eigen- und Versorgerstrom aufzeichnet. „Das ist bei jüngeren Zählern in Neubauten kein Problem“, sagt Knobel, einzig in den Bestandsbauten müssten antiquierte Messgeräte ausgetauscht werden.

Wegen der hohen Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen müssen sich Interessenten bis zur ersten selbst erzeugten Kilowattstunde etwas gedulden. Nach dem ersten Hausbesuch muss der Installateur die Anträge an den Netzbetreiber – in Lüdenscheid ist das Enervie Vernetzt – stellen.

„Wir müssen prüfen, ob wir den erzeugten Strom in unser Versorgungssystem aufnehmen können“, sagt Jens Dietrich, Leiter der Abteilung für Netzanschlüsse beim Hagener Energieunternehmen. In der Regel sei es kein Problem, da der produzierte Strom einer normalen Familienhaus-Anlage ins Niederspannungsnetz eingespeist werde. Derzeit vergehen zwischen Antrag und Genehmigung etwa sechs Wochen, schätzt Dietrich.

Mitarbeiter der Firma Knobel montieren Solarzellen auf dem Dach eines Lüdenscheider Wohnhauses.
Mitarbeiter der Firma Knobel montieren Solarzellen auf dem Dach eines Lüdenscheider Wohnhauses. © Jörn Knobel

„Sobald die Genehmigung da ist, brauchen wir zurzeit etwa drei Wochen, bis eine Anlage aufgebaut und angeschlossen ist“, erklärt Knobel, trotz des aktuell weltweiten Lieferenpasses für Paneelen und Speicher. „Ich habe meinen Lagerbestand noch rechtzeitig erhöht.“ Zurzeit sei noch genug Material vorhanden. Doch die globale Halbleiterkrise mache weitere Lieferungen unvorhersehbar.

Durch die Warenknappheit und die fallenden Temperaturen setzen seine Mitarbeiter und er auf eine zweiteilige Installation. „Solange es noch geht, werden wir überwiegend Solarzellen auf den Dächern der Kunden montieren“, sagt Knobel. Erst, wenn Kälte und Frost die Arbeiten unter freiem Himmel unmöglich machen, werden die Speichereinheiten installiert.

Bereits zu Wochenbeginn musste Knobel nach dem ersten Nachtfrost bis etwa 10.30 Uhr warten, bis seine Installateure und er auf die Dächer konnten. „Lange wird es nicht mehr dauern, bis wir die Dach-Montagen einstellen und erst im Frühjahr wieder aufnehmen werden.“

400 neue E-Ladesäulen in sechs Monaten

Solarenergie ist nicht die einzige Möglichkeit, Öko-Strom zu produzieren, doch die Energieerzeugung durch Windkraft oder Biomasse fristet in Lüdenscheid ein Schattendasein. „95 Prozent aller Anträge sind für PV-Anlagen“, weiß Dietrich. Mehr als 4000 sogenannte dezentrale Einspeiser seien bereits in das Stromnetz eingebunden, allein in den letzten sechs Monaten seien etwa 300 in Betrieb genommen worden.

Einen noch größeren Zuwachs verzeichnet Enervie bei den Ladesäulen und Wallboxen, mit denen E-Autos betankt werden. In den vergangenen sechs Monaten seien 400 solcher Anlagen in Betrieb genommen worden, heißt es in einer Pressemitteilung des Netzbetreibers.

So wird ein Haushalt nicht nur unabhängiger von den Strom-, sondern auch von den Benzinpreisen.

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