Soforthilfe in Lüdenscheid: Die meisten Betroffenen leben in Brügge

volmestraße
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In vielen Bereichen Brügges vor allem entlang der Volmestraße waren zahlreiche Anwohner von Schäden betroffen.

Mehr als 100 Haushalte in Lüdenscheid haben inzwischen Anträge auf Hochwasser-Soforthilfe gestellt. Für die Prüfung ist in der Bergstadt das Team der Wirtschaftsförderung zuständig. Eine Besonderheit. Jan Schmitz sprach mit Pia Müller und Dirk Aengeneyn

Die Soforthilfe wurde sofort nach dem Hochwasser gestartet. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Dirk Aengeneyndt: Viel Vorbereitungszeit hatten wir nicht, weil am Freitag, 16. Juli, schon die Verordnung herauskam. Parallel dazu lagen auch schon die ersten Anträge vor. Am Montag haben wir dann mit der Bearbeitung begonnen.
Wie war die Situation zu Beginn?
Aengeneyndt: Wir haben relativ viele Anträge gleich zu Beginn per E-Mail bekommen. Dann mussten die Anträge erfasst und die Angaben überprüft werden. Ist die Person mit Hauptwohnsitz an der angegebenen Adresse gemeldet? Sind die Angaben plausibel? Und dann muss man das Auszahlungsverfahren mit der Kasse regeln. Das hat sehr gut funktioniert, weil da alle sehr motiviert waren und mitgezogen haben.
Pia Müller: Wir haben auch ganz praktische Dinge gemacht. Wir haben uns einen riesengroßen Plan von den Kollegen aus der Stadtplanung ausdrucken lassen. Da stehen alle Hausnummern drauf. Dann haben wir Pins gekauft und ganz klassisch die einzelnen Häuser, aus denen wir die Anträge erhalten haben, mit einem Pin versehen. So haben wir eine Übersicht bekommen, wo viele und wo nur vereinzelte Fälle aufgetreten sind.
Wie sah diese Karte nach ein paar Tagen aus? In welchen Bereichen Lüdenscheids steckten die meisten Pins?
Müller: Wir haben mit verschiedenen Pins zwischen Privathaushalten und Gewerbe unterschieden. Wir haben dann ganz klar gesehen, dass die Volmestraße in einzelnen Bereichen komplett gepinnt ist. Da erkennt man kaum noch ein Haus auf der Karte. Brüninghausen war stark betroffen, aber auch Teile vom Vogelberg.
Pia Müller gehört zum Team der Wirtschaftsförderung.
Der Vogelberg liegt etwas höher. Was war dort die Ursache für die Schäden?
Aengeneyndt: Wir haben aus dem gesamten Stadtgebiet immer wieder vereinzelt Fälle bekommen. Wenn wir mit den Betroffenen gesprochen haben, berichteten die meisten, dass das Wasser den Hang heruntergekommen ist oder von unten hochgedrückt hat.
Mussten die Betroffenen zum Nachweis zum Beispiel Fotos beilegen?
Müller: Ich habe bei 95 Prozent der Anträge einfach angerufen, um nachzufragen: Wie geht es Ihnen? Wie ist die Situation bei Ihnen? Erklären Sie doch mal kurz. Es hat den Leuten oft schon geholfen, sich mal kurz auszusprechen, zu sagen, wie schlimm es wirklich ist. Da hat man schon ein Gefühl für bekommen. Wenn mir jemand am Telefon gesagt hat: „Ich habe keine Küche mehr, die Couchgarnitur und alles andere ist komplett nass geworden. Wir stehen hier im Schlamm“ und die Antragsteller wohnen in einem Gebiet, aus dem wir mehrere Anträge hatten, war das für uns plausibel. Da brauche ich auch keine Fotos. Anders sieht es natürlich aus, wenn ich aus einer Straße nur einen Antrag bekommen habe. Da habe ich angerufen und darum gebeten, dass man mir ein Video oder Fotos zuschickt. Die meisten Leute hatten viel Verständnis dafür, dass wir das auch nachhalten müssen.
Welchen Eindruck haben Sie in den Gesprächen mit den Betroffenen gewonnen?
Müller: Manche waren froh, dass die Sachen vom STL schon abgeholt worden waren, weil sie einfach diese Bilder aus dem Kopf haben wollten. Andere wiederum sagten mir: „Wir stehen hier noch mit dem ganzen Zeug. Sie können sofort vorbeikommen. Das Wasser steht hier noch teilweise drin.“ Wir haben auch Außentermine gemacht und haben uns das vor Ort angeschaut. Wir waren zum Beispiel bei einer Familie. Dort lagen die ganzen nassen Sachen noch in blauen Säcken im Keller. Jeder geht anders damit um. Manche haben das Gefühl gehabt, sie sind in der Beweispflicht und müssen das alles noch so lassen, und andere haben alles per Foto oder Video dokumentiert und einen Tag später schon alles an die Straße gestellt. Hauptsache weg.
Dirk Aengeneyndt gehört zum Team der Wirtschaftsförderer.
Wie haben die Betroffenen das Erlebte verarbeitet?
Müller: Die Leute, die wir besucht haben oder am Telefon gesprochen haben, waren trotz der Schäden sehr positiv. Die schauen alle nach vorne und sind froh – wenn sie die Bilder im Fernsehen gesehen haben – dass sie noch ein Dach über dem Kopf haben.
Wie war das für Sie, als Sie vor Ort waren?
Müller: Zuerst ist da ein großes Mitgefühl für die Betroffenen und dann versuchen wir, den Menschen zu helfen. Das ist jetzt unsere Aufgabe, wo wir eigentlich ganz andere Aufgaben haben wie die Ausbildungsmesse oder die Betreuung von Unternehmen. Es ist für uns von jetzt auf gleich ein ganz anderer Aufgabenbereich. Aber dafür arbeiten wir auch in der öffentlichen Verwaltung, damit wir den Menschen jetzt helfen.
Aengeneyndt: Wir waren nicht bei allen vor Ort. Das könnten wir gar nicht leisten. Unsere Priorität haben wir eindeutig darauf gesetzt, dass wir die Anträge möglichst schnell bearbeiten. Aber ich hatte heute beispielsweise ein Gespräch mit Frau Skorupa vom Roten Kreuz, das inzwischen alle Betroffenen in Brügge besucht hat. Das ist für uns natürlich eine Hilfe, wenn wir mit ihr Kontakt aufnehmen können und dort nachfragen, wie deren Eindruck vor Ort war.
Die Soforthilfe bedeutet maximal 3500 Euro pro Haushalt. Wo hilft das Geld den Leuten und wofür setzen sie es ein?
Müller: Viele kaufen oder mieten damit Trocknungsgeräte. Dann geht es häufig um Böden, damit erst einmal wieder neuer Teppich oder Laminat verlegt werden können. Viele haben auch kein Bett, keine Couch, keinen Kinderwagen, keinen Hochstuhl, eine aufgequollene Küche.
Aengeneyndt: Wir haben auch die Fälle, in denen Menschen ihre Wohnung verlassen mussten, da geht es ganz simpel darum, Kleidung zu besorgen und die Dinge des täglichen Bedarfs.
Haben Sie einen Unterschied gemacht zwischen Betroffenen, die ausreichend versichert waren und denen, die nicht oder nicht ausreichend versichert waren?
Aengeneyndt: Das können wir gar nicht überprüfen. Es ist auch nicht gefordert. Das müssen uns die Antragsteller versichern. Im Antrag müssen die Betroffenen versichern, dass der Schaden größer ist als 5000 Euro. Wenn sie eine Versicherung haben, muss auch der Schaden, der nicht abgedeckt ist, größer als 5000 Euro sein.
Welche Wünsche haben die Betroffenen über die Soforthilfe hinaus?
Aengeneyndt: Die Betroffenen, die massive Schäden auch in der Bausubstanz haben, erhoffen sich, dass sie beim Wiederaufbau ihrer Häuser oder auch Unternehmen unterstützt werden.
Müller: Es ist auch ein Unterschied, ob man als Mieter oder als Eigentümer betroffen ist. Als Mieter hat man schneller die Möglichkeit, zu kündigen und sich eine neue Wohnung zu suchen. Der Eigentümer sitzt in seinem Haus, das im schlechtesten Fall nicht abbezahlt ist, und kann nicht einfach weg.
Hätten Sie jemals damit gerechnet, dass Sie als Wirtschaftsförderer in einer solchen Situation eingesetzt werden?
Aengeneyndt: Nein, natürlich nicht. Damit hat niemand gerechnet. Die Betroffenen zuletzt. Wirtschaftsförderung in einer Stadt wie Lüdenscheid ist ein bisschen wie ein mittelständisches Unternehmen. Da macht man immer die unterschiedlichsten Dinge. Wir haben eigentlich noch nie über einen langen Zeitraum das Gleiche gemacht. Dass so etwas so plötzlich und so akut passiert wie diese Flut, das ist sehr ungewöhnlich.
Wie kam es denn dazu, dass Sie als Wirtschaftsförderung überhaupt für die Soforthilfe zuständig waren?
Aengeneyndt: Von dem Hochwasser sind ja nicht nur Privathaushalte betroffen. Wir haben hier auch Anträge von 30 Unternehmen bearbeitet. Es liegt uns sehr am Herzen, dass auch den Unternehmen in den betroffenen Bereichen geholfen wird. Und dann hat man einfach aus Gründen der Praktikabilität gesagt, dass man das nicht von den betroffenen Privathaushalten trennt.
Wie viele Anträge auf Soforthilfe wurden in Lüdenscheid bislang gestellt?
Aengeneyndt: Wir haben jetzt etwa 100 erfasste Fälle. Davon haben wir 87 abschließend bearbeitet. Von diesen 87 sind 14 Anträge abgelehnt und die anderen bewilligt worden. Es kommen aber nach wie vor neue Fälle an. Nach dem Wochenende haben wir acht neue Anträge erhalten.
Was sind die Gründe, wenn Sie einen Abtrag ablehnen müssen?
Aengeneyndt: Wir müssen zwei Themen im Blick haben. Es muss einmal eine akute Notlage gegeben sein, und es muss ein Schaden über 5000 Euro vorliegen. Zudem muss man dort mit Hauptwohnsitz gemeldet sein, wo der Schaden aufgetreten ist. Jedes Wasser, das man im Haus hat, ist ein Problem und natürlich auch ein Schaden. Gerade im Keller können aber auch Dinge beschädigt werden, deren Wert nicht höher ist als 5000 Euro. Es ist auch für uns nicht einfach, in jedem Einzelfall richtig zu entscheiden. Da bitten wir um Verständnis. Wir machen das nach bestem Wissen und Gewissen, aber es kann aber auch passieren, dass wir mal falsch liegen.

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