1. come-on.de
  2. Lüdenscheid

Mehr Notfälle: Klinikum-Ärzte für ein Böller-Verbot

Erstellt:

Von: Olaf Moos

Kommentare

Blicken auf eine arbeitsreiche Silvesternacht zurück: (von links) Max Meyer-Marcotty, Susanne Kaskel-Paul und Benedikt Knof.
Blicken auf eine arbeitsreiche Silvesternacht zurück: (von links) Max Meyer-Marcotty, Susanne Kaskel-Paul und Benedikt Knof. © Klinikum lüdenscheid

Im Klinikum Hellersen landeten in der Silvesternacht deutlich mehr Patienten als vor der pandemiebedingten Ruhe teils mit schweren Verletzungen und mussten notfallmäßig behandelt werden.

Lüdenscheid – Nach zwei Jahren Böllerpause zu Silvester war die Freude bei Verkäufern von Feuerwerkskörpern und ihren Kunden groß. Die Kassen klingelten. Doch die Freude blieb nicht ungeteilt. Dr. Max Meyer-Marcotty – Chef der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie/Handchirurgie – berichtet über Silvester als eine arbeitsreiche Nacht.

Meyer-Marcotty und sein Team verbrachten die Stunden, in denen die Lüdenscheider ausgiebig feierten, im Operationssaal. „Wir haben sechs Notoperationen durchgeführt – unter den Patienten waren drei Kinder.“

Die Ärzte sprechen über zahlreiche „multiple Verletzungen“. Betroffen waren Gesichter, Augen, Hände, behandelt wurden Verbrennungen, Risswunden oder Knochenbrüche. Der Chirurg sagt: „Daran sieht man, welch eine erstaunliche Gewalt Feuerwerkskörper entfalten – vor allem die sogenannten Polenböller.“

23 Stunden am Stück mussten Patienten versorgt werden

Die Dienstbelastung für die Ärzte sei „enorm hoch“ gewesen, sagt der Klinikdirektor. Der junge Mediziner Michal Wittek etwa sei 23 Stunden am Stück eingespannt gewesen, um Patienten zu versorgen. Wittek hatte ebenfalls zwei Kinder in seiner Obhut. „Die haben mit selbst gebauten Böllern hantiert.“

Auch in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik erlebte das Team eine Stressnacht. „Wir hatten sieben Notfälle, vornehmlich handelte es sich um Knalltraumata“, sagt Klinikdirektor Dr. Benedikt Knof – also massive Schädigungen des Innenohrs. Während die meisten der Patienten nach ambulanter Behandlung mit hoch dosiertem Cortison wieder nach Hause konnten und sich von niedergelassenen Ärzten weiter helfen lassen können, erwischte es einen Mann besonders schwer.

Dem war eine Silvesterrakete direkt vor dem Gesicht explodiert. Die Folgen: Verbrennungen und ein Bruch der Stirnhöhle. „Wir haben Knochenfragmente operativ aus dem Kopf entfernen müssen“, so Benedikt Knof. Der Patient musste stationär aufgenommen werden.

In 60 Prozent der Fälle treffe es Unbeteiligte

„Zum Glück glimpflich davongekommen“ sind die Silvester-Patienten der Spezialisten in der Augenklinik nach Worten von Direktorin Dr. Susanne Kaskel-Paul. Vier Augenverletzungen, drei davon im Zusammenhang mit teils schweren Blessuren an Händen, mussten behandelt werden. Bleibende Augenschäden habe es diesmal, anders als in den Jahren vor dem Böllerverbot, jedoch nicht gegeben. „In einem Fall haben wir eine Hornhauttrübung festgestellt.“

So unterschiedlich die Fachgebiete der Mediziner sind, so einig sind sie sich in der Ablehnung privater Feuerwerke. Max Meyer-Marcotty nennt sie „absolut überflüssig“ und weist auf die „hohen Kosten für die Allgemeinheit“ hin, die bei Operationen, Therapien und Arbeitsunfähigkeit entstehen.

In der Retinologischen Gesellschaft (RG), Fachverband von Augenärzten in Kliniken, sind die Mediziner schon über Forderungen nach Verboten hinaus gelangt. Die RG erfasst laut Susanne Kaskel-Paul jedes Jahr bundesweit feuerwerksbedingte Augenverletzungen. Danach haben 71 Kliniken 710 Verletzte gemeldet – „rund 200 mehr als in den Jahren vor der Pandemie“.

In 60 Prozent der Fälle treffe es Unbeteiligte und zu 40 Prozent Kinder und Jugendliche. Kaskel-Pauls Kollegen Meyer-Marcotty und Knof haben nun ein weiteres Ziel. Der Handchirurg will seinen Fachverband dazu bewegen, ebenfalls Daten über Verletzungen zu erheben.

Auch interessant

Kommentare