„Er hat sich gegen alle Regeln gewehrt“

LÜDENSCHEID - Der Sohn des mutmaßlichen Sexualstraftäters hat seinen Weg gefunden – und inzwischen sogar eine Ausbildung absolviert. Angesichts seines Lebensweges klingt das wie ein Wunder. Dass der heute 21-Jährige seit der Geburt vernachlässigt und herumgeschubst worden ist, daran zweifelt niemand mehr im Gerichtssaal.

Von Olaf Moos 

Dass das einen sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater nahelegt, bestreitet der Angeklagte mit aller Kraft. In seiner Aussage vor Gericht erklärt der junge Mann auf die Frage von Richter Marcus Teich, es gehe ihm „scheiße“. Trotz einer vermeintlich sicheren Zukunft. Die Last der Vergangenheit wiegt offenbar zu schwer. An fünf der angeklagten zehn Missbrauchstaten könne er sich erinnern, sagt er.

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„Das ist absolut gelogen!“

Ein Ehepaar, das den Jungen im ostwestfälischen Rödinghausen in der Obhut seines Heims betreut hat, erinnert sich. „Er war fast drei Jahre in unserer Einrichtung“, sagt die 60-jährige Erzieherin. „Wir mussten uns dann von ihm trennen, weil er immer schwieriger wurde.“

Die Frau, die gleichzeitig Diakonin und Krankenschwester ist, berichtet von ungebändigten Aggressionen, von zertretenen Möbeln, eingeworfenen Fensterscheiben, zerschlagenen Zimmerwänden und Streit und Gewalt unter den Mitbewohnern. „Er hat sich gegen alle Regeln gewehrt.“

Neben der Wut auf die Welt war Enttäuschung das vorherrschende Gefühl in dem Kind. „Er hat seinen Papa wirklich verehrt“, sagt die Heimleiterin. Aber der Mann hielt Verabredungen nicht ein, brach Versprechen, war durch und durch unzuverlässig. „Der Junge hat sogar an Weihnachten vergeblich auf seinen Vater oder wenigstens ein Geschenk gewartet.“

Trotzdem kehrt der Schüler zwangsweise zu seinem Vater zurück. „Es ging bei uns einfach nicht mehr“, erinnert sich die Heimleiterin. Ein Psychologe habe ihr prognostiziert, der Junge werde entweder „in der Geschlossenen, im Gefängnis oder auf der Straße“ enden.

An Erzählungen des Jugendlichen über sexuelle Übergriffe seines Vaters kann sich das Heimleiter-Ehepaar nicht erinnern. Wohl aber an „Todeslisten“, die der Schüler geführt hat. Mit den Namen derjenigen, die ihm nicht wohl gesonnen sind. Auf einer der Listen findet sich auch der Name seiner leiblichen Mutter.

Das Gericht wird weitere Zeugen vernehmen. Strafverteidiger Kölz hofft, dann entlastende Aspekte für seinen Mandanten in die Waagschale werfen zu können. Seinem inzwischen verstorbenen Bruder gegenüber soll der Angeklagte den Missbrauch eingestanden haben.

Der Prozess wird am 12. Februar um 9 Uhr fortgesetzt.

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