Serienverbrecher oder braver Vater: Rätsel vor Gericht

LÜDENSCHEID - Verheiratet ist er, vier Kinder hat er. Auf die Frage nach seiner Nationalität übersetzt die Dolmetscherin seine Antwort mit dem Wort „Deutsch“. Wenn die Staatsanwältin Recht behält, ist der 27-jährige Lüdenscheider ein gefährlicher Serienverbrecher.

Sie wirft ihm unter anderem erpresserischen Menschenraub, gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung und Bedrohung vor. Aber das Äußere des Angeklagten und sein Benehmen sprechen eine andere Sprache. Da sitzt ein vermeintlich braver Familienvater mit adrettem Kurzhaarschnitt, gepflegter Kleidung und all der zu Schau getragenen Seriosität des Unbescholtenen. Neben ihm hat Rechtsanwältin Lena Retschkemann aus Köln Aktenordner und ein Laptop aufgeklappt.

Es spielen viele Menschen mit in diesem Verfahren – offensichtlich alles keine Unschuldslämmer. Es existieren stapelweise Ermittlungsakten auch über sie. Von Drogen ist die Rede und davon, dass der Angeklagte Menschen misshandelt, sie zu Vertragsabschlüssen gezwungen, sie um Schutzgeld erpresst, eingesperrt, erniedrigt und unterdrückt hat. Bekannte mussten ihm demnach Smartphones und Laptops besorgen oder Bargeld aushändigen. Anderenfalls setzte es Prügel.

In einem Fall soll der athletische Lüdenscheider zwei „Freunde“ in seiner Wohnung in St. Augustin eingesperrt und unter Schlägen und Tritten gezwungen haben, zu putzen und zu renovieren.

Lena Retschkemann vernichtet – nach einer gescheiterten Verfahrensabsprache im Beratungszimmer der Richter – alle Hoffnung der Prozessbeteiligten auf eine kurze Beweisaufnahme. Die Verteidigerin will Einsicht in die Akten von acht Männern, allesamt im Fokus der Staatsanwaltschaft. Es sei nicht auszuschließen, dass zwischen deren Verfahren und dem ihres Mandanten ein „unmittelbarer Zusammenhang“ bestehe. Versage das Gericht die Akteneinsicht, sei die Verteidigung „irreversibel beschränkt“ und die Menschenrechtskonvention, die ein faires Verfahren für jede Person fordert, missachtet.

Der Familienvater äußert sich nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwältin. Die junge Rechtsanwältin gibt für ihn eine Erklärung ab. Darin schildert sie ihren Mandanten als jemanden, der völlig unschuldig in eine Gemengelage aus zwielichtigen Gesellen geraten ist, in der sein kleinerer Bruder aufs schwerste misshandelt worden sei. Er sei kein Schläger, sondern selbst geschlagen worden. „Ansonsten lässt sich mein Mandant nicht zu den Tatvorwürfen ein.“

Der Prozess wird am 19. März um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichtes Hagen fortgesetzt.

omo

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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