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Serie „Verborgene Orte“: Im Krematorium werden jährlich 7000 Leichname eingeäschert

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Vor den beiden Luken beginnt der allerletzte Weg eines Menschen. Mit einem Kiefernsarg wird er dort hineingefahren, dann werden Körper und Sarg ein Raub der bis zu 1200 Grad Celsius heißen Flammen.

Lüdenscheid - Da hält der Mensch sein Leben lang das Feuer in Schach. Und am Ende besiegt es ihn doch. Im Krematorium am Waldfriedhof werden Leichname eingeäschert, mehr als 7000 im Jahr. Aber: Dort, wo die Körper Geschichte werden, ist der Tod nebensächlich. Viel mehr geht es um Technik.

Der letzte Weg eines Menschen führt durch eine der beiden Luken, 78 und 90 Zentimeter breit. Deren Klappen sind aus grauem Stahl und matt gebürstet, Innenarchitekten würden diesen Raum sicherlich nicht schlecht finden. Edler Holzfußboden, graue Wände, ein futuristisch anmutender Springbrunnen plätschert vor sich hin.

Es riecht wider allen Erwartungen neutral. Weder Leichengeruch noch der verbrannten Materials steigen in die Nasen. An diesen Vorraum mit den beiden Öfen schließt sich ein Trauerzimmer an – eins, das allen mit und ohne Konfession die Gelegenheit bietet, den Toten ein letztes Mal im Ganzen zu sehen. „Diesen Raum nutzen viele Angehörige“, sagt Ralf Wendland. Der Geschäftsführer von „Feuerbestattung Sauerland“ erläutert, dass einige Menschen die zu Betrauernden bis zum Ende begleiten möchten. „Außerdem sind viele an der Technik interessiert“, sagt Wendland, „die stellen dann schon ganz konkrete Fragen.“ Zum Beispiel: Bäumen sich die Toten im Feuer ein letztes Mal auf? Werden mehrere Tote gleichzeitig in einem Ofen verbrannt? „Das sind weit verbreiterte Mythen, die aber nicht stimmen“, sagt Wendland.

So sehen die Öfen im Krematorium aus:

Krematorium - Spherical Image - RICOH THETA

In alle anderen Räumlichkeiten erhalten die Trauernden keinen Zugang. Etwa in die Kühlkammer. Dort lagern die Toten höchstens zehn Tage bei sechs Grad Celsius, bis sie verbrannt werden. Bevor das geschieht, muss ein Amtsarzt oder Gerichtsmediziner eine letzte Leichenschau durchführen. Sobald der Mensch Asche ist, sind eventuelle Verbrechen, medizinisches Versagen oder andere unnatürliche Todesgründe nicht mehr zu beweisen. In der Kühlkammer des Krematoriums stehen an diesem schwül heißen Sommertag fast 30 Särge – allesamt schlicht und aus Kiefer. „Die sind günstiger als Eichensärge“, sagt Betriebsleiter Dennis Schönrath. Heraus sticht ein weißer Sarg. Der ist nicht, wie alle anderen, zwei Meter lang, sondern höchstens 50 Zentimeter. Unter dem hölzernen Deckel muss ein totes Baby liegen. „Natürlich beschäftigt einen der Tod schon sehr, insbesondere, wenn man weiß, wie der Mensch ums Leben gekommen ist,“ sagt Wendland. Bei aller gebotenen Pietät: Er und seine zehn Mitarbeiter müssen funktionieren. 24 Stunden am Tag, im Drei-Schicht-System. „Wir fahren rund um die Uhr ein“, erläutert Schönrath. Im vergangenen Jahr verbrannten sie 7000 Leichen, Tendenz steigend.

Ohne in den Kühlraum zurückzublicken, verlässt Schönrath diesen, verschließt die Tür, dann geht er durch den modern gestalteten Flur des 2005 eröffneten Gebäudes und öffnet eine schwere Tür. Drei Stufen hinunter führen ins Herz des Krematoriums. Die Temperatur um 30 Grad und das laute monotone Summen der beiden Öfen und Filteranlagen lassen einen schnell ermüden. Unangenehmer Geruch ist auch dort nicht zu verspüren. Ein Blick in die Öfen ist nicht möglich, zu vernehmen ist sehr wohl die Hitze, die sie abgeben. Bei zwischen 800 und 1200 Grad Celsius verbrennen Fleisch, Fett und Haut – je nach Körperumfang im Durchschnitt zwei Stunden lang. Zwei Brennkammern durchwandert der Mensch: In der Hauptbrennkammer fackelt der Körper von seinem knöchernen Gerüst; in der Ausbrennkammer wird die Asche des hölzernen Sargs von den menschlichen Überresten getrennt. Die Abgase werden thermisch nachverbrannt. Schadstoffe sollen möglichst rückstandslos vernichtet werden, sodass pro Mensch höchstens 2 Milligramm Kohlenmonoxid durch die Schornsteine in die Luft geblasen werden.

Serie „Verborgene Orte“: Besuch im Krematorium

„Die Feuerbestattung ist sehr viel umweltschonender als die Erdbestattung“, wirbt Wendland. Während Tote in der Erde ausdünsten und mitunter das Erdreich vergiften könnten – etwa durch Chemotherapie- oder Antibiotikum-Rückstände – sei das Verbrennen sehr viel umweltschonender. „An den Öfen angeschlossen sind unsere Filteranlagen“, erklärt Wendland. Schad- und Feinstoffe sollen nicht in der Umwelt landen, sondern in Fässern, die vom einem Spezial-Entsorgungsunternehmen entsorgt werden. Damit Öfen und Filter, die zusammen 1,7 Millionen Euro netto gekostet haben, funktionieren, begehen Wendlands Mitarbeiter diesen abgeriegelten Raum regelmäßig.

Diesmüssen sie auch tun, sobald der Verbrennungsvorgang abgeschlossen ist. In Stahlschalen landen Asche, Knochen, Implantate und der Schamottstein, auf dem die Registrierungsnummer des Toten verzeichnet ist. Künstliche Knie und Hüften werden mitsamt Sondermüll zur Spezialdeponie gebracht, Knochen und Asche sollen in die Urne. Bevor das möglich ist, muss die glühende Asche eine Stunde kühlen. „Knochen verbrennen erst bei rund 3000 Grad“, sagt Wendland und verweist auf das Trümmerfeld in Manhattan nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. „Da haben sie teilweise gar keine menschlichen Überreste mehr gefunden, weil es in den Gebäuden so heiß war.“ Damit der Körper in die Urne passt, werden dessen Knochen gemahlen. 2,5 bis 5 Kilogramm bleiben von einem erwachsenen Menschen übrig.

Eine Verbrennung kostet die Angehörigen oder den Staat jeweils 400 Euro. Dafür, dass das gesamte Krematorium rund 2,5 Millionen Euro gekostet hat, sei das laut Wendland zu wenig. „Aber wir müssen wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Wendland, der daraufhin zehn Krematorien in einhundert Kilometern Umkreis aufzählt. Der Tod ist ein Geschäft – und zwar ein sehr lohnendes. So gut läuft es im Krematorium am Waldfriedhof, dass Wendland und die 31 am Gewinn beteiligten Gesellschafter eine dritte Ofenlinie planen. Gestorben wird eben immer.

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