Serie zum Klinikum Lüdenscheid

„Operationen sind nicht alles“

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Privatdozent Dr. Bernd Roetman ist seit Januar 2013 der Leiter der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Lüdenscheid - Die Lüdenscheider Nachrichten stellen im Rahmen einer Serie alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vor. Dabei werden das jeweilige Leistungsspektrum aufgezeigt und Einblicke in die Arbeit der Mediziner und Pflegekräfte gegeben. Folge 22 behandelt die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Der Bewegungsapparat mit seinen Muskeln, Knochen und Gelenken ist das Arbeitsfeld von Privatdozent Dr. Bernd Roetman. Seit Januar 2013 steht der Mediziner der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie als Leiter vor. Knochenbrüche, Verschleiß an Gelenken, Arthrose, Osteoporose – mit diesen Erkrankungen hat es Bernd Roetman tagtäglich in Hellersen zu tun.

„Wenn auf der Autobahn 45 im Bereich Lüdenscheid ein schwerer Unfall geschieht, kommen die Verletzten zu uns“, erklärt Bernd Roetman und berichtet dann, welche Maschinerie im Falle eines schweren Unfalls mit vielen Verletzten in Gang gesetzt wird. „Wir haben eine große und sehr gut aufgestellte Notaufnahme. Sie ist ja sozusagen die Eintrittspforte für die Unfallopfer – und wir warten an dieser Pforte, um ihnen zu helfen.“

Feuerwehr, Rettungskräfte, die Piloten der Rettungshubschrauber, die Kreisleitstelle der Polizei, das medizinische Traumateam vor Ort im Klinikum – die Akteure, die im Ernstfall auf den Plan treten, seien zahlreich, betont Bernd Roetman. „Aber man darf sich das nicht ganz so vorstellen wie in den amerikanischen Arztserien“, erklärt der Mediziner, „diese Fälle sind für uns Ausnahmen und nicht der Alltag.“

Unspektakuläre Erkrankungen der Alltag

Der wird für Bernd Roetman und sein Team eher von unspektakulären Erkrankungen geprägt: „Die Überalterung unserer Gesellschaft schlägt sich auch bei uns in der Klinik nieder. Menschen, die aufgrund von Altersschwäche oder demenziellen Erkrankungen stürzen und sich an der Hüfte, der Schulter, dem Oberschenkelhals oder dem Handgelenk verletzten, sehen wir sehr häufig.“ 50 Prozent seiner Patienten seien Senioren. Sie stellen den Mediziner immer wieder vor Herausforderungen, die mit dem eigentlichen Arbeitsbereich eines Unfallchirurgen nur wenig zu tun haben.

Die Arbeit im OP gehört für Bernd Roetman (r.) zum Alltag.

„Wenn ich einen Patienten mit einer demenziellen Erkrankungen habe, dann muss ich mich kümmern. Ich muss dafür sorgen, dass er, wenn er aus dem Klinikum entlassen wird, angemessen versorgt wird.“ Unterstützung bekomme er dabei vom Case Management des Klinikums – „aber viele Aufgaben muss ich selbst stemmen.“ Dazu gehören auch Gespräche mit Angehörigen. Bernd Roetman erinnert sich an ein Gespräch mit dem in der Schweiz lebenden Sohn eines Patienten. „Ich musste zigmal mit ihm telefonieren, bis alle Belange geklärt waren.“

Zeitintensiv sei diese Aufgabe – aber auch wichtig. „Meine Einstellung ist: Ein Arzt kümmert sich nicht nur um die kaputte Schulter oder den gebrochenen Oberschenkelhals. Wir haben eine Aufgabe, die weitaus größer und umfassender ist. Wir müssen den ganzen Menschen und sein Umfeld, die Gesamtsituation im Blick haben. Das ist unsere ethische Pflicht. Ich für mich kann sagen, dass ich diese Herausforderung gerne annehme.“

Spagat zwischen bestmöglicher Versorgung und Wirtschaftlichkeit

Um die Arbeit, die in seiner Klinik anfällt, stemmen zu können, sei eines besonders wichtig: „Man muss auf Strukturen bauen können, die effizientes Arbeiten möglich machen. Meine Aufgabe als Klinikdirektor ist es, diese Strukturen zu schaffen – für mich und all meine Mitarbeiter.“ Der Spagat zwischen der bestmöglichen medizinischen Versorgung für den Patienten und dem Blick auf wirtschaftliches Arbeiten sei nicht immer leicht. „Wir müssen versuchen, trotz der manchmal schwierigen Rahmenbedingungen soviel Nachhaltigkeit wie möglich zu schaffen. Wir wollen und müssen den Menschen, die unsere Hilfe suchen, effizient und umfassend helfen – auf vielen Ebenen“, unterstreicht Bernd Roetman noch einmal die Bedeutung der sozialen Komponente, die er als festen Bestandteil seiner Arbeit versteht.

"Operative Machbarkeit ist nicht alles.“

Bernd Roetman: „Manchmal ist es mutiger, wenn man nicht operiert.“

Nachhaltigkeit und der Blick auf die bestmögliche Versorgung seiner Patienten treiben den Mediziner um. Und lassen ihn manchmal Positionen ergreifen, die wenig populär sind. So steht Bernd Roetman dem Einsatz von Knochenzement bei einem gebrochenen Wirbelkörper sehr skeptisch gegenüber: „Als diese Technik Fuß fasste und zu einem Trend in der Orthopädie wurde, dachten viele, dass man damit ein Allheilmittel bei Wirbelkörperbrüchen, wie sie zum Beispiel in Folge einer Osteoporose auftreten, in der Hand habe. Und deshalb wurden diese Eingriffe geradezu inflationär. Kritisch hinterfragt wurde diese Praktik nur noch selten. Mein großes Anliegen ist es, die Risiken aufzuzeigen, die das Verfahren birgt. Operative Machbarkeit ist nicht alles.“

Der Hauptkritikpunkt: Die Behandlung sei im Grunde eine reine Schmerztherapie, die zur nachhaltigen Verbesserung des Gesundheitszustandes nicht viel beitrage, ihn manchmal auf lange Sicht sogar verschlechtere. „Aus Erfahrung wissen wir, dass die Wirbel ober- und unterhalb des mit Zement behandelten Bereichs viel anfälliger für einen weiteren Wirbelbruch werden“, erklärt Bernd Roetman.

Die Aufklärung seiner Patienten sei unerlässlich: „Natürlich hören die Patienten nicht gern, dass sie sich im Grunde selber helfen müssen – durch viel Bewegung und Sport. Das ist ja anstrengend, aber eigentlich das Beste, was man tun kann.“

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