Serie zum Klinikum Lüdenscheid

Die Lunge besitzt keine Alarmzentrale

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Das Behandlungsspektrum der Thoraxchirurgie zielt auf gut- oder bösartige Tumore im und am Brustkorb.

Lüdenscheid - Die Lüdenscheider Nachrichten stellen im Rahmen einer Serie alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vor. Der 21. Teil gewährt einen Einblick in die Klinik für Thoraxchirurgie.

Die Frauen holen auf, der Abstand zu den Männern wird geringer. Doch der Hintergrund ist alles andere als erfreulich, denn es geht um eine medizinische Entwicklung im Klinikum: Mit der Zahl der Raucherinnen wächst auch die der Patientinnen mit schweren Lungenerkrankungen. Damit gewinnt die Thoraxchirurgie, die gut- oder bösartige Tumorerkrankungen wie Krebs, Metastasen oder Entzündungen im und am Brustkorb (Thorax) behandelt, weiter an Bedeutung.

Waren vor einigen Jahren von zehn Patienten nur zwei weiblich, so ist das Verhältnis heute beinahe ausgeglichen. Um das Behandlungsspektrum von gut- oder bösartigen Tumorerkrankungen zu vergrößern, gibt es in Hellersen mit der Thoraxchirurgie eine neue Klinik und mit Dr. Ulrich Laskowski einen neuen Direktor und zugleich bekannten Mediziner. Von 2009 bis 2011 war er bereits als Arzt in dieser Fachdisziplin in Hellersen tätig, um anschließend als Chefarzt nach Köln zu wechseln. Beratend blieb er dem Haus weiterhin verbunden, der Aufbau einer eigenständigen Klinik veranlasste zur Rückkehr.

Bestmögliche Versorgung für den Patienten

Dr. Ulrich Laskowski leitet als Direktor die neue Klinik für Thoraxchirurgie in Hellersen.

Hintergrund dieser erweiterten Versorgungsstruktur ist die Notwendigkeit, durch die nahtlose Zusammenarbeit von Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen die bestmögliche Versorgung für den Patienten zu finden. Sind die Tumore noch klein, ist die Operation der richtige Weg, sind sie größer, wird der Dreiklang aus Chemotherapie, OP und Strahlentherapie notwendig, geht die Wucherung über das Maß eines chirurgischen Eingriffs hinaus, bleibt der Operateur außen vor. „In den regelmäßigen Tumorkonferenzen besprechen wir jeden einzelnen Fall, um ihn der richtigen Therapie zuzuführen. Die Kombinationen der verschiedenen Bereiche, die heute immer zielgenauer arbeiten, sind ein gewaltiger Fortschritt. “

Mehr als 70 Prozent Raucher

Der Großteil der Patienten ist zwischen 50 und 80 Jahre alt, mit mehr als 70 Prozent stellen die Raucher die stärkste Fraktion. Damit liegen zwar Rückschlüsse auf der Hand, doch die exakte Ursachenforschung bleibt eher vage. „Die Menschen wollen zwar immer eine Erklärung, aber es lässt sich nicht alles deuten“, weiß Dr. Laskowski aus Erfahrung. „Die Akzeptanz eines Schicksals nimmt ab.“ Aber mit dem ersten Vier-Augen-Gespräch sei die Hürde und damit die Angst überwunden. „Dann geht es um die entscheidende Frage: Was kann man machen?“ Klarheit kann dabei ein sogenannter „Schnellschnitt“ bringen. Die Pathologie erhält eine Probe aus einem Lungenlappen und innerhalb von 20 Minuten steht fest, ob es sich um einen gut- oder bösartigen Tumor handelt. „So können wir über einen diagnostischen zu einem heilenden Eingriff kommen.“

Nur ein Viertel bis ein Drittel operabel

Doch es gibt Grenzen für den Chirurgen. Das Krankheitsbild mancher Patienten ist so weit fortgeschritten, dass bei einem Eingriff das Herz-Kreislauf-System zusammenbrechen würde. Und es gibt weitere unüberwindliche Hürden: Greift der Tumor bereits ins Herz ein, ist die Operation ebenso unmöglich wie bei einer zu breiten Streuung übers Rippenfell. „In solchen Fällen ist die Prognose eindeutig. Wir können im OP-Saal nichts verbessern.“ Ohnehin ist nur ein Viertel bis ein Drittel der Patienten überhaupt operabel. „Die Lunge besitzt keine Nerven, die Alarm schlagen.“ Durch jahrelangen Nikotinkonsum verliert das Organ aber zunehmend an Oberflächenspannung. Da im Gegensatz zur Haut nichts nachwächst, ist die Zahl der Gewebeentnahmen begrenzt.

Menschlicher Organismus bietet stattliche Reserven

Die Thoraxchirurgen arbeitet eng mit Spezialisten anderer Abteilungen zusammen.

Dabei hat der menschliche Organismus bereits stattliche Reserven, um mit Sauerstoff versorgt zu werden. Links stehen zwei Lungenlappen zur Verfügung, rechts sogar drei. „Dabei brauchen wir nur ein Drittel der Kapazitäten im normalen Leben. Wer mehr Sport treibt, ist auf die Hälfte angewiesen. Die volle Leistung wird nur dann abgerufen, wenn der Mount Everest in Angriff genommen wird.“

Entfernen eines Lungenflügels sei problemlos

Bei solchen Reserven ist es nicht verwunderlich, wenn das geregelte Alltagsleben auch mit einem Lungenflügel bewältigt werden kann. „Das Entfernen einer Seite ist zwar zunächst ein Schock für den Patienten, aber Büro- und Gartenarbeiten sind problemlos möglich.“ Lediglich passionierte Schwimmer müssen erst einmal eine völlig neue Balance finden, denn im Wasser hat nach einem solchen Verlust nur eine Körperhälfte Auftrieb, während die andere in die Fluten sackt. „Ein interessantes Detail“, sagt Dr. Laskowski.

Spezielles Vorgehen bei der Narkose

Bevor der Chirurg ans Werk gehen kann, schlägt die Stunde des Anästhesisten. Der Eingriff erfordert ein spezielles Vorgehen bei der Narkose, denn während des Eingriffs darf nur eine Seite beatmet werden, während die andere vorübergehend stillgelegt ist.

Die wenigen Beispiele zeigen: Die Behandlungsmethoden stellen die Mediziner in ihren Verfahren und im Zusammenspiel mehrerer Disziplinen vor neue Herausforderungen. Mit der eigenständigen Thoraxchirurgie soll gemeinsam mit der Klinik für Pneumologie unter Prof. Dr. Joachim Lorenz die Versorgung von Lungenpatienten einen höheren Stellenwert erhalten. Eine Ausnahme kann sich Dr. Laskowski nur in einem Fall vorstellen: „Sollte mal Helmut Schmidt als Patient vorsprechen, hole ich zuerst Zigaretten.“

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