Klinikum Lüdenscheid

Kranke Seele, kranker Körper - die Klinik für Psychosomatische Medizin

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Helfen Seele und Körper bei der Genesung: Dr. Gerhard Hildenbrand (vorne, 2. v. l.) und sein Team der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid.

Lüdenscheid - Die Lüdenscheider Nachrichten stellen im Rahmen einer Serie alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vor. Dabei werden das jeweilige Leistungsspektrum aufgezeigt und Einblicke in die Arbeit der Mediziner und Pflegekräfte gegeben. Teil neun dreht sich um die Klinik für Psychosomatische Medizin. 

Der Schmerz ist da – ob im Kopf, im Magen oder im Rücken. Aber der Hausarzt kann keine körperliche Ursache für die Beschwerden finden. „Die Seele ist krank. Aber der Patient erlebt die Gefühle und Konflikte, die ihn beschweren, nicht mehr bewusst. Und dann meldet sich der Körper zu Wort und sagt: ‘Hier stimmt etwas nicht. Etwas ist fundamental nicht in Ordnung.’ Die körperlichen Schmerzen sind nur die Folge der Seelenschmerzen“, erklärt Dr. Gerhard Hildenbrand.

Der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid hat tagtäglich mit diesen Fällen zu tun. Oft sind es Schwellensituation in der ganz persönlichen Biographie, die Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und schließlich erkranken lassen. „Immer wenn Umbrüche geschehen, wenn Dinge sich ändern, kann das zu Problemen führen. Das kann das Verlassen des Elternhauses, die Gründung einer eigenen Familie sein, ein Berufswechsel, der Auszug der Kinder, der Renteneintritt. In solchen Lebensphasen gerät das Gerüst des Gewohnten ins Wanken“, beschreibt Gerhard Hildenbrand den Weg hin zu einer psychosomatischen Erkrankung.

Es sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen

Dieses Bild einer Patientin entstand im Rahmen der Kunsttherapie.

Treffen kann es jeden, aber die Statistik zeigt, dass deutlich mehr Frauen als Männer betroffen sind. „Zweidrittel der Patienten sind weiblich“, weiß der Lüdenscheider Klinikdirektor zu berichten. „Frauen reiben sich eher zwischen den Polen Versorgung und Selbstständigkeit auf. Da sind auf der einen Seite die Fürsorge für die Familie und auf der anderen Seite die eigenen Bedürfnisse. Die werden zurückgestellt, missachtet. Hauptsache ist doch, dass es allen anderen gut geht. Männer treibt häufiger die Frage nach dem Selbstwert um. ‘Wer bin ich? Und wie schneide ich im Vergleich zu meinen Geschlechtsgenossen ab?’ Das betrifft vor allem junge Männer, aber auch Männer um die 50“, weiß Gerhard Hildenbrand aus Erfahrung. Frauen, so die Beobachtung des Spezialisten, bringen eine höhere emotionale Kompetenz mit: „Sie bekommen leichter mit, wenn das Körperliche etwas mit Seelischen zu tun hat.“ So sei auch der hohe Frauenanteil bei den Patienten zu erklären.

Hohe Anforderungen an den Menschen

Generell sei die heutige Lebenswelt eine Quelle für psychosomatische Erkrankungen, ist es Gerhard Hildenbrand wichtig zu betonen. Die postmoderne Gesellschaft mit ihren hohen Anforderungen an den Menschen – ob bei der Arbeit oder im Freizeitbereich – beschleunige das Leben des Einzelnen. „Da findet eine Entfremdung statt. Die Menschen haben immer weniger Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse. Muße ist für viele ein Fremdwort. Alle stehen immer unter hoher Anspannung. Da gibt es kleine Kinder, Drei- bis Sechsjährige – die bräuchten eigentlich ein eigenes Sekretariat, das ihre gesamten Termine verwaltet“, malt Gerhard Hildenbrand ein Gesellschaftsbild, das immer mehr Menschen – oft nach langer Leidenszeit – in die Behandlung treibt.

Unbewusstes wieder bewusst machen

Bei der Therapie in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid gehe es zu Beginn vor allem darum, das eigentliche Problem zu verstehen, Unbewusstes wieder bewusst zu machen. „Manche Dinge im Leben müssen einem erst bewusst sein, bevor man sie ändern kann. Wir als Ärzte und Therapeuten haben keine Wundermittel parat, die man schluckt – und alles ist gut. Wir geben keine guten Ratschläge, haben keine fertigen Rezepte für die Genesung. Aber wir versuchen, jeden einzelnen unserer Patienten dabei zu unterstützen, den für ihn sinnvollen Weg hin zu einem gesünderen Leben zu entwickeln“, erklärt Gerhard Hildenbrand.

Individueller Therapieplan für jeden Patienten

Musiktherapeut Patrick Walraf: Sich über ein Instrument auszudrücken, kann bei der Genesung helfen.

Jeder Patient, betont der Klinikdirektor, erhalte einen individuellen Therapieplan. „Das ist kein Wellness-Urlaub nach dem Motto: ‘Morgens Fango, abends Tango.’ Die Therapie ist anstrengend und intensiv“, betont Gerhard Hildenbrand. 20 Stunden in der Woche sind die Patienten mit der Therapie beschäftigt. Die besteht neben der Einzel- und Gruppenpsychotherapie aus vielen anderen Verfahren wie zum Beispiel der Musik-, Tanz- und Gestaltungstherapie und der Entspannungs- oder diversen Bewegungstherapien. „Die körperliche Erfahrung ist wichtig. Da gehen die Gefühle so richtig los“, berichtet der Klinikdirektor aus der Praxis.

Länge der Therapie sei sehr unterschiedlich

Die Länge der Therapie sei von Patient zu Patient sehr unterschiedlich bemessen. Meistens mache die angekündigte Länge den Betroffenen Angst. „Am Anfang verhandeln sie mit uns, ob die Therapie nicht schneller zu Ende sein kann. Und dann kommt die Zeit, in der sie darüber verhandeln möchten, ob sie nicht noch ein wenig länger bei uns bleiben können“, erklärt Gerhard Hildenbrand.

Am Tag des Abschieds haben die Patienten dann oft ein lachendes und ein weinendes Auge. „Auf der einen Seite wollen sie das, was sie hier bei uns erfahren haben, in der Praxis umsetzen. Aber sie haben eben auch Angst davor, in ihr Leben und ihr soziales Umfeld zurückzukehren.“ Deshalb sei es wichtig, die Rückkehr in das „alte“ Leben, das nun ein neues ist, gut vorzubereiten. Zwei Wochen vor der Entlassung beginne diese Phase der Therapie. Die Wiedereingliederung in den Beruf, die ambulante Weiterbehandlung – all das seien in dieser Zeit vor dem Aufbruch wichtige Themen, beschreibt Gerhard Hildenbrand das Vorgehen. „Das Fazit, das viele Patienten ziehen, wenn sie gehen, ist: ‘Die Therapie war das Beste, was ich gemacht habe. Ich hätte schon zehn Jahre eher kommen sollen.’“

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