Klinikum Lüdenscheid

Schon die Kleinsten leiden - Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

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Das Team der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Lüdenscheid vor der Kletterwand.

Lüdenscheid - Die Lüdenscheider Nachrichten stellen im Rahmen einer Serie alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vor. Dabei werden das jeweilige Leistungsspektrum aufgezeigt und Einblicke in die Arbeit der Mediziner und Pflegekräfte gegeben. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie beschäftigt uns in Teil 18.

Ungeplante Aufnahmen von Patienten im Kindes- oder Jugendlichenalter sind an der Tagesordnung in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Hellersen. Das gehört für Klinikdirektorin Dr. Tamara Jacubeit zum Tagesgeschäft, aber: „Die Zahl der schweren, krisenhaften Notfälle haben zugenommen. Und ich denke, das wird auch so weitergehen.“

Die Gründe benennt Tamara Jacubeit klar und deutlich: „Die Krisen sind Ausdruck von schweren psychosozialen Bedingungen, unter denen die Kinder und Jugendlichen leben. Die Belastungen sind groß – ob das nun im Elternhaus oder in der Schule ist. Sie erleben Eltern, die zum Beispiel psychisch krank sind oder mit den Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Das bleibt nicht ohne Folgen.“

Dr. Tamara Jacubeit ist die Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Dass auch die Schule ein wichtiger Faktor für die wachsenden psychischen Probleme ihrer jungen Patienten ist, weiß Tamara Jacubeit: „Es ist ja auffällig, dass in den Sommerferien wenig Anfragen an uns gerichtet werden. Aber vor Klausuren oder rund um die Elternsprechtage wächst der Bedarf. Dann kommen die Eltern und fragen, ob wir ihre Kinder behandeln können. Der Druck wird in der Schule immer größer. Und er ist es dann oft, der das ohnehin volle Fass zum Überlaufen bringt.“

Gesamte Familie im Fokus

Im Argen liege aber in den meisten Fällen deutlich mehr. „Kinder und Jugendliche werden in der heutigen Zeit deutlich früher und deutlich stärker mit Krisen konfrontiert. Das passiert zuerst einmal in den Familien. Deshalb ist unser Therapieansatz auch immer auf die gesamte Familie gerichtet. Ein Kind oder einen Jugendlichen zu behandeln und die Familie dabei nicht mit in den Fokus zu nehmen – das geht im Grunde gar nicht“, erklärt Tamara Jacubeit.

Netze stärken oder neu entstehen lassen

Es gehe somit immer darum, die Netze, die den Kindern und Jugendlichen Halt und Orientierung geben, zu stärken oder sie im schlimmsten Fall wieder neu entstehen zu lassen. „Wir müssen unsere jungen Patienten stärken. Aber das geht immer auch über die Familie. Sie ist das System, in dem die Kinder und Jugendlichen leben.“ Und wenn das System gestört ist, tauchen die Probleme auf. Hilfen bei der Erziehung, Hilfe von Dritten – all das braucht es oft, um die Krisen ihrer Patienten abfangen zu können.

Auch Säuglings- und Kleinkinder-Psychotherapie

Verhaltensauffälligkeiten, Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen, Ängste, Zwänge, Psychosen, Suizidneigungen, Essstörungen, Drogensucht – die Krankheitsbilder, mit denen sich Tamara Jacubeit im Rahmen ihrer Arbeit konfrontiert sieht, sind breitgefächert. Und es kann auch schon die Kleinsten treffen. „Ja, wir haben Patienten im Kleinkindalter, die depressiv sind“, berichtet Tamara Jacubeit. Und so gehört auch die Säuglings- und Kleinkinder-Psychotherapie mit zum Behandlungsspektrum der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Hemmschwelle, Experten zu Rate zu ziehen, wenn das eigene Kind in eine Krise gerät, habe sich ihrer Erfahrung nach gesenkt: „Da hat sich in den vergangenen Jahren etwas getan. Das ist für unsere jungen Patienten natürlich nur gut. Es ist offenbar nicht mehr ein ganz so großes Tabu wie früher, Hilfe von Psychiatern und Therapeuten zu brauchen.“

Hilfe braucht manchmal viel Zeit

Dass diese Hilfe manchmal viel Zeit braucht, zeigt die Dauer der Behandlung. Viele Kinder und Jugendliche bleiben bis zu sechs Wochen in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, manche gehen erst nach drei bis sechs Monaten wieder nach Hause. Aber es gibt auch andere Fälle, wie Tamara Jacubeit erklärt: „Die Hälfte unserer Patienten, die aus einer akuten Krisensituation heraus zu uns kommen, bleiben nur drei bis fünf Nächte bei uns.“

Die Kletterwand der Klinik – künstlerisch eingefangen von einem jungen Patienten.

Die Therapie setzt sich aus vielen verschiedenen Methoden und Formen zusammen, wie die Klinikdirektorin beschreibt. Zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung kommen zum Beispiel Verhaltenstherapie, Einzel- und Gruppentherapien, Familientherapie und kreative Therapieformen wie Musik-, Ergo- und Kunsttherapie. Ein wichtiger Bestandteil ist auch die Erlebnispädagogik.

Ein Beweis für den hohen Stellenwert gerade dieses Therapieansatzes ist die große Kletterwand an der Außenwand des Klinikgebäudes. Das Klettern in der Gruppe mit Gleichaltrigen sei eine wichtige Erfahrung für ihre Patienten, berichtet Tamara Jacubeit. Die Wahrnehmung der eigenen Stärken und Schwächen, der Kontrollverlust und die Erfahrung, sich auf andere verlassen zu können – das helfe vielen Kindern und Jugendlichen, sich besser verstehen zu können. „Es geht bei allem, was wir tun, darum, den Patienten zu zeigen, wie sie auf eine gute und fürsorgliche Art mit sich selbst umgehen. Das hilft beim Gesundwerden.“

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