Serie zum Klinikum Lüdenscheid

Wenn das Blut nicht fließt - Klinik für Gefäßchirurgie 

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Privatdozent Dr. Bernd Schorn leitet die Klinik für Gefäßchirurgie am Klinikum Lüdenscheid.

Lüdenscheid - Einen Blick in die Klinik für Gefäßchirurgie werfen die Lüdenscheider Nachrichten im 26. Teil ihrer Serie, in der alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vorgestellt werden.

Wenn die Beine schon nach wenigen Metern des Laufens schwer werden, unerträglich schmerzen und den Betroffenen zum Stehenbleiben zwingen, weiß der Fachmann: „Hier haben wir es mit Klaudikatio zu tun.“ Laien kennen diese Form der Arteriosklerose unter dem Namen „Schaufensterkrankheit“. Auch Privatdozent Dr. Bernd Schorn hat oft mit diesem Beschwerdebild zu tun.

Der Leiter der Klinik für Gefäßchirurgie am Klinikum Lüdenscheid erklärt, wie wichtig es ist, bei der Schaufensterkrankheit und allen anderen Formen von Durchblutungsstörungen nicht die einzelne Arterie oder Vene in den Blick zu nehmen, sondern den gesamten Körper: „Das Arteriensystem ist ein einheitliches System. Wir Mediziner müssen also immer das ganze System untersuchen, auch wenn der Patient, der zu uns kommt, nur Schmerzen und Durchblutungsstörungen im Bein hat. Tun wir das nicht, erhöht sich bei Operationen zum Beispiel das Risiko, dass der Patient einen Schlaganfall erleidet.“

"Schaufensterkrankheit ist nicht heilbar"

Muss jeder Fall von Schaufensterkrankheit direkt operativ behandelt werden? Bernd Schorn verneint die Frage mit Nachdruck. Nein, der behandelnde Arzt müsse genau hinschauen, um welches Stadium der Erkrankung es sich handelt. „Man muss wissen: Die Schaufensterkrankheit ist nicht heilbar. Wir können sie durch eine Operation nur lokal behandeln, um die Beschwerden vor Ort zu lindern. Aber die Neigung zu Durchblutungsstörungen bleibt weiterhin bestehen und kann dann an einem anderen Ort zu einer neuen Gefäßverengung führen.“

Das Risiko abwägen

Mit einer Operation, bei der die betroffene Arterie entweder mit einem über einen Katheter eingeführten Ballon geweitet oder ein Verschluss mit einer künstlichen Umleitung, einem sogenannten Bypass, überbrückt wird, ist Bernd Schorn deshalb im Frühstadium der Erkrankung eher zurückhaltend. „Ich muss das Risiko abwägen. Wenn der Patient seine Lebensgewohnheiten nicht ändert und es tatsächlich im weiteren Verlauf zu neuen Verschlüssen kommt, dann stellt jede Voroperation ein zusätzliches Risiko dar.“

Rauchen und Bluthochdruck als Risikofaktor

Röntgenbildemonstration im Rahmen einer Frühbesprechung.

Welche Lebensgewohnheiten oder Grunderkrankungen begünstigen die Schaufensterkrankheit oder Arteriosklerose? „Rauchen ist ein Risikofaktor. Bluthochdruck auch. Und Fettstoffwechselstörungen und Diabetes begünstigen ebenfalls Gefäßverschlüsse“, erklärt der Mediziner. Und betont, dass er im Gespräch mit seinen Patienten den erhobenen Zeigefinger strikt vermeide, wenn er verdeutliche, wie wichtig es sei, sein Leben zu ändern. „Ich darf in so einer Situation nicht den Oberlehrer geben. Das wäre kontraproduktiv. Ich muss den Patienten stattdessen genau aufklären. Und ich muss ihn für die Krankheit sensibilisieren.“

Bewegung ist das A und O

Bernd Schorn erklärt, dass der betroffene Patient einiges dafür tun könne, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. „Er kann mit dem Rauchen aufhören. Er kann sich gesund ernähren. Die gesunde Ernährung hat eine weit höhere Bedeutung, als lange angenommen wurde. Man muss dafür sorgen, dass Bluthochdruck und Diabetes medikamentös gut eingestellt sind. Und vor allem soll er sich bewegen. Bewegung ist das A und O. Wenn ich einen Patienten mit Schaufensterkrankheit in einem frühen Stadium habe, dann verdeutliche ich ihm, dass es keinen Sinn macht, zu operieren. Er muss trainieren wieder in Bewegung zu kommen. Das hilft ihm.“

"Verdrängung spielt eine große Rolle"

Aber Bernd Schorn weiß auch, dass trotz aller Aufklärung auch eine andere Kraft im Spiel ist. „Die Verdrängung spielt bei den Patienten eine große Rolle. Obwohl wir heute durch die Medien viel besser aufgeklärt sind als in der Vergangenheit, hat sich das Problembewusstsein der Menschen nicht signifikant geändert. Das muss man als Arzt einfach immer im Hinterkopf haben.“

Oberarzt Dr. Joachim Trunk nimmt eine Duplexsonografie der Beinarterie eines Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit vor.

Vorsorgliche Operationen gebe es im weiten Feld der Arteriosklerose zum Beispiel dann, wenn ein Aneurysma, meist der Bauchschlagader, besteht. Dann weite sich das Gefäß immer stärker – und im schlimmsten Falle reiße das betroffene Gefäß. Um dies und die meist fatalen Folgen der inneren Blutungen zu vermeiden, wird, sobald die behandelnden Ärzte die Gefahr erkannt haben, gehandelt. „Haben wir ein Aneurysma der Bauchschlagader entdeckt, operieren wir in Abhängigkeit von der Aneurysmagröße in den meisten Fällen auch“, erklärt Bernd Schorn.

Nur wenn das Aneurysma unter fünf Zentimetern groß ist, könne eine Operation unter regelmäßiger Kontrolle der Größenentwicklung ausgesetzt werden, betont der Leiter der Klinik für Gefäßchirurgie. Dann sei die Gefahr eines Risses des Gefäßes eher gering einzuschätzen. „Aber dann muss man fragen, wie sehr der Patient durch das Wissen um das Aneurysma verängstigt ist. Man muss regelmäßige Kontrollen durchführen und das Gefäß genau beobachten. Wenn der Patient die Ungewissheit und den Druck nicht aushält, dann operieren wir gegebenenfalls trotzdem“, betont Bernd Schorn.

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