Klinikum Lüdenscheid

Klinik I Innere: "Wir sind die Querdenker"

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Lüdenscheid - Die Lüdenscheider Nachrichten werden im Rahmen einer Serie alle Fachkliniken des Klinikums Lüdenscheid vorstellen. Dabei werden das jeweilige Leistungsspektrum aufgezeigt und Einblicke in die Arbeit der Mediziner und Pflegekräfte gegeben. Den Auftakt bildet die Klinik Innere I.

Der Mittfünfziger hat seit Längerem Beschwerden beim Gehen. Der Orthopäde hat Einlagen verordnet. Aber die Füße schmerzen weiterhin. Dann beklagt sich auch noch die Ehefrau: „Du schnarchst!“ Der Hausarzt mahnt: „Sie müssen weniger essen. Ihr Blutzucker ist erhöht.“

Der Patient ist frustriert – auch weil ihm seine Arbeit als Werkzeugmacher immer mehr Mühe macht. Immer öfter hat er ein Kribbeln und ein Taubheitsgefühl in den Fingern. Feinmotorische Arbeiten, früher ein Klacks für ihn, werden zunehmend zur Belastung. Der Neurologe ist ratlos.

Schließlich wird der Mann mit akutem Darmbluten in die Notaufnahme des Klinikums Lüdenscheid gebracht. Die Endoskopie zeigt den Übeltäter: einen Dickdarmpolypen, der sich im Verlauf der weiteren Behandlung als gutartig entpuppen soll. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. „Als ich den Patienten sah, dachte ich: ‚Das sieht aber alles komisch aus!“, erinnert sich Professor Dr. Joachim Teichmann, Direktor der Klinik „Innere I“.

„Wenn alles unklar ist, kommen wir zum Zuge!“

„Innere I“: Was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung? „Wenn alles unklar ist, kommen wir zum Zuge!“, erklärt Joachim Teichmann. Das klingt nach der Arbeit eines Detektivs. Und tatsächlich lässt sich dessen Arbeit in einem hohen Maße mit der Arbeit von Joachim Teichmann und seinem Team vergleichen. „Wir sind die Querdenker – und das meine ich durchweg positiv“, erklärt der Mediziner. Zum Hintergrund: Fünf bis acht Prozent aller Patienten, die mit Beschwerden in die Notaufnahme des Klinikums kommen, fallen durchs Raster: „Sie zeigen ein unklares Krankheitsbild und können nicht schnell und eindeutig an einen Spezialisten einer Fachklinik weitergeleitet werden. Diese Patienten kommen zu uns in die Innere I“, berichtet Joachim Teichmann.

Ein Endoskop ist teuer. „Dafür bekommt man mehr als einen Wagen der E-Klasse“, weiß Jörg Braun.

Zurück zum Fallbeispiel: „Wir behandeln hier bei uns in der Klinik den ganzen Menschen und nicht nur einen Polypen. Wir schauen also genau hin und betrachten das Gesamtbild. Bei unserem Patienten stellten wir eine Verspitzung des Gesichts fest. Das Kinn war groß, die Nase sehr lang, die Zähne standen schief“, berichtet Joachim Teichmann.

Der Verdacht: Es könnte sich um eine Überfunktion der Hirnanhangdrüse handeln – die könnte das vielgestaltige Krankheitsbild des Patienten erklären. Die Blutuntersuchungen und die Ergebnisse der bildgebenden Verfahren bestätigen die Hypothese der Ärzte: Der Patient leidet an Akromegalie, einer Krankheit, die durch die Überproduktion des Wachstumshormons Somatropin hervorgerufen wird. Eine eher seltene Krankheit: Von einer Million Menschen erkranken pro Jahr lediglich drei bis vier Menschen an Akromegalie.

Mit dem Blick des geschulten Querdenkers hat Joachim Teichmann gemeinsam mit seinem Team schnell den richtigen Riecher bewiesen: „Vier Tage nach der Einlieferung war unsere Diagnose gesichert. Wir konnten den Patienten, der einen Tumor der Hirnanhangdrüse hatte, in die Neurochirurgie überweisen. Und dort wurde der Tumor entfernt. Dem Mann konnte also geholfen werden.“

„Wir reinigen unsere Endoskope selbst – hier in der Abteilung. Sie sind zu teuer, um sie außer Haus von nicht qualifiziertem Personal säubern und reparieren zu lassen“, erklärt Joachim Teichmann.

Es sei eine intellektuelle Art der Medizin, die er mit seinem Team in der Klinik „Innere I“ betreibe. Und die sei nicht perfekt, nicht zügig zu erledigen und alles andere als prozessoptimiert. „Es gibt eben Krankheiten, die länger dauern. Die sind in der heutigen Medizin allerdings eigentlich nicht mehr vorgesehen“, erklärt Joachim Teichmann mit einem breiten Lächeln. „Diese Arbeit ist zeitaufwendig und schwierig – aber auch unglaublich spannend und herausfordernd.“

Ganz besonderer, interdisziplinärer Zuschnitt

Er sei stolz auf den ganz besonderen, interdisziplinären Zuschnitt seiner Abteilung, betont der Mediziner. Und fügt gleich hinzu, dass dies nicht sein Verdienst sei. „Das hat Tradition in diesem Hause. Meine Vorgänger haben in den vergangenen Jahrezehnten in diesem Geiste gelehrt und gearbeitet. So eine Denkweise, so eine Art der medizinisch-wissenschaftlichen Betrachtung von Patienten und Krankheitsbildern muss wachsen – das kann man nicht von oben per Dekret erlassen.“

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