Selbstversuch: THR-Schüler bewältigen Alltag im Rollstuhl

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Schwierig wird’s, wenn der Rollstuhl bloß mit dem Rad einer Seite auf der Matte steht. Diese könnte im Alltag zum Beispiel ein Bordstein sein. Sportlehrer Cemil Dinc (im weißen T-Shirt) muss auch schon mal zur Hilfe eilen, damit die Schüler weiterkommen.

Lüdenscheid - Einen ganzen Schultag im Rollstuhl bewältigen – was für Jugendliche mit Behinderung zum Alltag gehört, war für viele Schüler der Theodor-Heuss-Realschule eine Herausforderung. Während eines dreiwöchigen Projekts erfuhren sie, wie es ist, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein.

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative von Sportlehrer Cemil Dinc - und besonders der Sportunterricht mit Einbindung von fünf Rollstühlen kam bei den Schülern gut an.

Ermöglicht hatte das Projekt an der Realschule die Firma Medical Center Südwestfalen, die die Hilfsmittel für die Zeit leihweise zur Verfügung stellte.

"Inklusion wird längst gelebt"

Die 17-jährige Enisa Niemiec kennt Hindernisse – wie hier mit einem Hula-Hoop-Reifen simuliert – aus ihrem Alltag.

Wie Schulleiterin Christiane Langs-Blöink im LN-Gespräch betonte, diente das Projekt der Inklusion. „Wir haben an unserer Schule Klassen des gemeinsamen Lernens und auch zwei Schülerinnen im Rollstuhl – Inklusion wird so längst gelebt.“ Umso wichtiger sei es, dass auch Schüler ohne Behinderung mal die Sicht der Rolli-Fahrer einnehmen. In der Sporthalle, in der in den vergangenen Wochen auch diverse Partien Rollstuhl-Basketball gespielt wurden, gab es zum Projektabschluss für die Schüler der Klasse 9b auch noch einen Hindernis-Parcours zu bewältigen.

Rollstuhlfahren ist gar nicht so einfach

Enisa Niemiec passierte in ihrem Rollstuhl mühelos eine Slalom-Strecke und fuhr über Matten und Hula-Hoop-Reifen. Die 17-jährige kennt ähnliche Hindernisse aus ihrem Leben im Rollstuhl.

Was bei Niemiec einfach aussieht, ist es noch lange nicht, wie unter anderem ihre Klassenkameraden Rebecca Blacha, Moritz Fries und Jan Czimmeck (alle 15 Jahre alt) schnell merkten. „Es ist schwierig, mit dem Rollstuhl auf die Matte zu fahren“, fand Fries. Der Sportunterricht auf diese Weise gefiel ihm aber.

Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen

Blacha sagte: „So erlebt man am eigenen Körper, wie das Leben im Rollstuhl ist.“ Und Czimmeck fasste zusammen: „Das ist wirklich etwas neues, eine ganz andere Sicht.“

Und nicht nur der Sportlehrer Cemil Dinc ist sich sicher, dass durch den Perspektivwechsel die Hilfsbereitschaft untereinander wächst. Auch Enisa Niemiec freute sich, dass die Mitschüler beim Projekt so gut mitgezogen haben. „So erfahren sie, wie schwierig es mit dem Rollstuhl manchmal ist. Über die Matte zu fahren ist so, als würde man über eine matschige Wiese oder durch Schnee fahren.“

Das Projekt soll bald wiederholt werden

Ein weiterer Pluspunkt für die Schülerin: „So kann ich ganz normal am Sportunterricht teilnehmen. Herr Dinc versucht echt gut, mich hier zu integrieren.“

Der Widerstand der Matten ähnelt dem einer matschigen Wiese oder eines schneebedeckten Weges.

Und noch weitere Handicaps haben Lehrer und Schüler gemeinsam nachgestellt. „Auch blind oder gehörlos zu sein, haben wir simuliert“, so Dinc. „Die Schüler haben da auch viele Anregungen eingebracht.“ Schulleiterin Langs-Blöink ist sich auf jeden Fall sicher: „Das Projekt hat super funktioniert und wir werden das so bald wie möglich noch einmal wiederholen.“

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