Selbstversuch: Unterwasser-Rugby

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Kristina Köller kam bei ihrem ersten Unterwasser-Rugby-Debüt auch an den Ball. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Eine Schwimmflosse erwischt mich am rechten Oberarm. Jemand schwimmt haarscharf links an mir vorbei. Ich merke, wie ich wieder nach oben treibe. All das nehme ich jedoch nur vage wahr, denn mein Blick ist starr nach unten gerichtet. Auf die hellblauen Fliesen des Beckens.

In fünf Metern Tiefe kämpft eine Meute um den Ball. Zeit, dass ich mich einmische, für mein Team kämpfe. Das mit den weißen Mützen. Ich halte die Luft an, tauche ab – und spüre den zunehmenden Druck auf meinen Ohren.

Es ist Donnerstagabend. Trainingszeit für die Mitglieder des Unterwasser-Rugby-Clubs Lüdenscheid im Springerbecken des Nattenberg-Schwimmbads. Sechs Gastspieler haben sich eingefunden. Zumeist Jugendliche, die im Rahmen des Ferienprogramms „Summer Deluxe“ des Jugendkulturbüros die ungewöhnliche Sportart kennen lernen wollen. Und ich. Kurz und knapp werden uns die Regeln erklärt. Dann heißt es: Ab ins Wasser. Learning by doing.

Die Trainingspartie hat sich unter Wasser inzwischen mit einer Mordsgeschwindigkeit zum anderen Ende des Beckens verlagert. Meine Lungen zwingen mich, aufzutauchen. Ich puste das Wasser ruckartig durch meinen Schnorchel, nehme erleichtert einen tiefen Atemzug. Zurück bleiben Chlorgeschmack und die Erkenntnis, mit den Lüdenscheider Cracks nicht mithalten zu können.

Lange Wege zwischen den Torkörben

Unterwasser-Rugby wird in dreieinhalb bis fünf Metern Wassertiefe gespielt. Das Becken ist zwischen 12 und 15 Meter lang und zwischen neun und 12 Meter breit. Für bleierne Enten wie mich eindeutig zu lange Wege – zumindest für den Anfang. Die Spieldauer beträgt 2x15 Minuten, die Halbzeit dauert fünf Minuten. Zwei Teams versuchen, einen mit Kochsalzlösung gefüllten Gummiball im gegnerischen Tor unterzubringen, einem mit Saugnäpfen am Boden des Schwimmbeckens befestigten Metallkorb. Dazu bedarf es Teamgeist, Taktik, Schnelligkeit, Wendigkeit und Ausdauer – und dem Willen, an den gegnerischen Spielern und dem Torwart vorbei zu kommen. Immerhin: Treten, Kratzen, Beißen und das Zerren an Ausrüstung und Badebekleidung sind verboten.

Mit bunten Schwimmflossen, großen Taucherbrillen und Schnorcheln ausgestattet, kämpfen wir um den Ball, klammern uns an diesen. Bis wir den Mitspieler für einen Pass gefunden haben. Vor den Toren tummeln wir uns häufiger, machen zum Teil bizarre Verrenkungen: Hier eine Rolle vorwärts, dort eine gekonnte Tauchfinte.

Das besondere an Unterwasser-Rugby ist der Aspekt der Dreidimensionalität: Man kann sich nicht nur nach rechts, links, vorne und hinten bewegen, sondern auch nach oben und unten.

Meine Taucherbrille ist dauernd von innen beschlagen. Ich lasse Wasser herein laufen, atme kräftig durch die Nase aus und ziehe kurz die Taucherbrille vom Gesicht. Das sorgt zumindest für klare Sicht. Jetzt tauche ich erneut ab. Fokussiere einen meiner Teamkollegen, der gerade im Ballbesitz ist – und tatsächlich: Er wirft mir mit einer gekonnten Bewegung den Ball zu. Ich erwische das Objekt der Begierde erst nicht. Der Ball sinkt ab. In Windeseile tauche ich hinterher, kann den Ball in ungefähr drei Metern Tiefe einfangen. Passe auf einen Mitspieler, der Richtung Tor zieht – und den Ball mit viel Geschick und Hartnäckigkeit versenkt.

Drei Schiedsrichter

sind im Einsatz

Wie sich später herausstellt, habe ich bei meinem Probetraining mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen, da außergewöhnlich viele Spieler sich im Becken tummeln. Normalerweise sind pro Mannschaft sechs Spieler aktiv. Je ein Auswechselspieler steht am Beckenrand bereit, es wird fliegend gewechselt. Allerdings erst, wenn der Spieler, der aus dem Wasser kommt, dieses komplett verlassen hat. Zwei Unterwasser-Schiedsrichter und ein Unparteiischer an Land sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden.

Schneller als mir lieb ist, ist das Training zu Ende, und die Mannschaften klatschen sich sportlich ab. Nachdem alle geduscht haben, setzen sich Vereinsmitglieder und Gäste im Besprechungsraum bei Bier und Limonade zusammen. Fazit: Alle sind zufrieden mit dem Schnuppertraining. Ich auch. Obwohl oder vielleicht gerade weil Unterwasser-Rugby so anstrengend und ungewöhnlich ist. ▪ Kristina Köller

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