Selbstporträt von Ida Gerhardi

Eine Pionierin in der Kunstgeschichte

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Dieses Selbstporträt von Ida Gerhardi befindet sich im Besitz der Städtischen Galerie.

Lüdenscheid - Gemälde sind als Zeugnisse der Zeit, in der sie entstanden, oft auch eine historische Quelle. Aber vor allem sind und bleiben sie Kunstobjekte, mit mal größerem, mal geringerem Wert für die Kunstgeschichte. Zu den bedeutenderen Malerinnen des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zählt auch die westfälische Künstlerin Ida Gerhardi. Ein Selbstbildnis von ihr aus dem Jahr 1905 steht diesmal im Mittelpunkt des Virtuellen Museums.

Dieses Bild ist Teil der Sammlung der Städtischen Galerie Lüdenscheid, die neben dem Geschichtsmuseum zu den Museen am Sauerfeld gehört. Die umfangreiche Sammlung der Galerie zeigt ganz unterschiedliche Positionen der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Aber für die Stadt Lüdenscheid von größter Bedeutung sind die Werke von Ida Gerhardi und Paul Wieghardt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Denn diese beiden Maler stellen eine unmittelbare Verbindung zwischen der Stadt und der heimischen Region mit der internationalen Kunstszene her. Ihre Werke bilden einen wesentlichen Bestandteil der Sammlung der Städtischen Galerie.

Ida Gerhardi wurde am 2. August 1862 in Hagen als Tochter eines Arztes geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Familie 1869 zu Verwandten nach Detmold. Mit 28 Jahren konnte sie ihren Wunsch durchsetzen und Malerei studieren, zunächst 1890 an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins, ab 1891 in Paris an der Académie Colarossi, die vor allem bei jungen Frauen und ausländischen Studierenden beliebt war. Beides waren Privatschulen, denn die staatlichen Kunstakademien nahmen zu jener Zeit keine Frauen auf. Ida Gerhardi starb am 29. Juni 1927 in Lüdenscheid. Dort lebte sie bei ihrer Familie, seitdem sie 1913 ihr Atelier in Paris aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Beigesetzt wurde sie im Familiengrab in Detmold. 

Ida Gerhardi gilt als Malerin der klassischen Moderne. Von 1891 bis 1913 hielt sie sich vor allem in Paris auf. In dieser Zeit entstanden viele ihrer Werke. Sie machte sich neben ihrer Malerei auch um den deutsch-französischen Kulturaustausch verdient.

Selbstbildnisse dokumentieren Stellung der Frau 

Selbstbildnisse, wie das für das Virtuelle Museum ausgewählte, gibt es aus der gesamten Schaffenszeit von Ida Gerhardi. Damit dokumentierte sie ihr Wesen und die gesellschaftliche Stellung als Frau in der Kunst. Bedeutsam sind darüber hinaus ihre Bilder aus Pariser Vergnügungslokalen, die sie zwischen 1903 und 1905 zum Teil zusammen mit Käthe Kollwitz aufsuchte. Es sind überwiegend Tanzszenen in hell erleuchteten Sälen, aber auch Wiedergaben der düsteren, sogenannten Apachenkneipen. Frauen durften damals erst seit Kurzem ohne Begleitung durch eine Großstadt gehen; Orte wie die von ihr gemalten Lokale durften sie kaum besuchen. Damit ist Ida Gerhardi eine Pionierin der Kunstgeschichte – keine Frau vor ihr malte dieses Sujet.

Ida Gerhardi war eng befreundet mit der Malerin Jelka Rosen und deren späteren Ehemann, dem Komponisten Frederick Delius. Seit 1900 stand sie in Kontakt mit dem Bildhauer Auguste Rodin und wenig später schloss sie sich dem Künstlerkreis des Café du Dôme am Montparnasse an. Sie wird zu den sogenannten Malweibern von Paris gezählt. Sie pflegte Künstlerfreundschaften nicht nur mit Käthe Kollwitz, sondern auch mit Ottilie Roederstein, Maria Slavona, Friedrich Ahlers-Hestermann, Franz Nölken sowie zu den Kunstsammlern und Kunsthistorikern Wilhelm Uhde, Otto Ackermann und Walter Kaesbach. Durch ihre Kontakte engagierte sich Ida Gerhardi außerdem bei der Vermittlung von Kunstwerken, ihrem Verkauf und der Organisation von Ausstellungen. 

Spezialisiert auf Porträts

Ida Gerhardi war Mitglied im Deutschen Künstlerbund und war mit ihren Bildern –Gemälden und Zeichnungen – unter anderem in Ausstellungen in Paris, Berlin und München vertreten. Am Anfang ihrer Tätigkeit konzentrierte sie sich auf die Landschaftsmalerei. Dann spezialisierte sie sich zunehmend als Porträtistin. Daneben entstanden vor allem in der Spätzeit auch Stadtansichten – zum Beispiel von Lüdenscheid –, Genrebilder und Stillleben. Seit etwa 1900 hatte sie sich im Kolorit und Malduktus den französischen Spätimpressionisten und Fauvisten genähert. Unter dem Einfluss des rheinischen Expressionismus wurde ihre Farbigkeit um 1911 pastelliger und die Formgebung umrissbetonter. Trotz abstrahierender Tendenzen blieb sie immer dem Gegenstand verpflichtet. Personen zu charakterisieren blieb ihr immer ein wichtiges Anliegen.

Einige Arbeiten von Ida Gerhardi und Paul Wieghardt sind regelmäßig in der Dauerausstellung der Städtischen Galerien zu sehen. Zum besonderen Highlight im Programm der Galerie haben sich die Führungen unter dem Motto „Ida & Paul“ entwickelt, die das Team um Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen seit einigen Jahren in den Sommermonaten anbietet.

Nach Ida Gerhardi ist der Förderpreis benannt, den die Sparkasse Lüdenscheid seit 1989 alle zwei Jahre stiftet. Mit der Vergabe des Preises sind eine Ausstellung in der Städtischen Galerie sowie eine Edition, die in Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie Lüdenscheid produziert wird, verbunden. Gefördert werden junge Künstler mit abgeschlossenem Studium.

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