Selbstmordversuch wie ein Geständnis

Lüdenscheid - Am Donnerstag wollen die Staatsanwältin und der Verteidiger sowie der Vertreter der Nebenklage die Plädoyers halten. Dann fällt die 1. große Strafkammer des Hagener Landgerichts unter Vorsitz von Richter Marcus Teich das Urteil über den Lüdenscheider, der seine zwölfjährige Nichte im März vergewaltigt haben soll.

Nach der Verfahrensabsprache zwischen den Prozessbeteiligten dürfte der Ausgang des Verfahrens keine großen Überraschungen mehr bringen. Denn einerseits hat der Angeklagte bereits am ersten Verhandlungstag ein Geständnis abgelegt. Andererseits haben sich die Juristen für diesen Fall im Hinterzimmer auf einen Strafrahmen zwischen dreieinhalb und vier Jahren Gefängnis geeinigt. Vereinbarungsgemäß hat der Angeklagte keine eingeschränkte Schuldfähigkeit wegen Alkoholgenusses vor dem Verbrechen geltend gemacht. Auch der psychiatrische Sachverständige Dr. Bernhard Bätz schließt eine Schuldminderung aus.

Strafverteidiger Dirk Löber erklärte sein Engagement für seinen Mandanten am Mittwoch mit Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, nach der jede Person das Recht auf eine faire Verteidigung hat – auch ein Kinderschänder.

Dass der 49-Jährige angesichts des Tatvorwurfs derzeit kein leichtes Leben im Gefängnis hat und unter seinen Mithäftlingen zu leiden hat, gilt nach Erfahrungen aus Ermittlerkreisen als wahrscheinlich. Aber schon direkt nach dem Verbrechen an seiner Nichte befand sich der Staplerfahrer nach Löbers Worten im „absoluten Ausnahmezustand“. Der Versuch, sich das Leben zu nehmen, könne durchaus schon als Schuldeingeständnis gewertet werden.

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Am Abend nach der Tat hatte sich der 49-Jährige betrunken und sich im Auto vor seinem Wohnhaus nach eigenen Worten mit einem Cutter-Messer die Pulsadern aufgeschnitten. Danach schleppte er sich in seine Wohnung und legte sich blutend auf die Couch.

Inzwischen hatte die Mutter des vergewaltigten Mädchens die Polizei eingeschaltet. Polizisten wollten den Beschuldigten am Bierbaum aufsuchen – und fanden ihn rechtzeitig, ließen ihn ärztlich versorgen und sperrten ihn ein. Der Angeklagte sagte dazu im Gerichtssaal: „Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass ich in einer Polizeizelle wachgeworden bin.“

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr im Saal 201 des Hagener Landgerichts fortgesetzt.

Von Olaf Moos

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