Selbsternannter Weltenretter vor Gericht

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Symbolbild

LÜDENSCHEID - Er fühlte sich als „Herrscher über Deutschland“, und so trat er wohl auch Polizisten gegenüber auf. Und seine wüsten Todesdrohungen, scheinbar wahllos gegen Menschen in seinem Umfeld, versetzten Zeugen in Angst und Schrecken.

Selbst als er in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Hellersen fixiert auf einem Bett lag, sprühte er vor Aggression und Hasstiraden gegen Mitpatienten und Personal, so sagte eine Krankenschwester im Zeugenstand.

Diese Schilderungen über den offensichtlich kranken Wüterich wollen so gar nicht zu dem Erscheinungsbild passen, dass der Beschuldigte im Gerichtssaal der 6. großen Strafkammer abgibt. Beherrscht, aufrecht, mit gepflegtem Äußeren und klarer Sprache äußert sich der 35-jährige Lüdenscheider zu seinen Vorstrafen.

Nach wie vor streitet er ab, im Jahre 2006 einen Mann auf der Kluser Straße mehrfach bedroht und geschlagen zu haben. „Ich schwöre, Euer Ehren, ich hab’ das nicht gemacht.“ Und auf Nachfrage von Richter Dr. Christian Voigt sagt er, damals habe er noch nicht an Psychosen gelitten.

Ein Jahr später verursachte er – mit knapp 1,5 Promille Alkohol im Blut – auf der Lennestraße mit einem Motorrad einen Unfall, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde. „Das war eine dumme Sache, ich hätte nicht betrunken fahren dürfen.“ Und auf die Frage des Richters, wie er sich denn zur Unfallzeit so gefühlt habe, sagt der 35-Jährige: „Ganz normal.“

Als er vor einem Jahr in Iserlohn bei einer Festnahme durchsucht wurde, fanden Beamte Amphetamine in seiner Hosentasche. Dr. Voigt: „Warum haben Sie denn Amphetamine genommen? Zur Selbstmedikation?“ Der Angeklagte: „Ja. Das hat mich ruhiger gemacht.“ Zum Zeitpunkt der Festnahme hatte er seinen einsamen Feldzug gegen die Ungerechtigkeit und Korruption in der Welt bereits begonnen. Auf seinem Facebook-Profil, mit dem er sich als „selbsternannter Weltenretter“ bezeichnet, schreibt er im Mai dieses Jahres unter anderem: „Bin momentan leider wieder der Gewalt dritter ausgesetzt. Und derzeit nicht erreichbar. Befinde mich in Haus 5 Station 6.1 Hellersen.“ Wie schwer seine Psychose ist und ob eine dauerhafte Unterbringung angezeigt ist, soll ein psychiatrisches Gutachten zeigen.

Der Prozess wird am 6. Januar fortgesetzt.

Der Fall:

In einem Sicherungsverfahren vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts mit 16 Anklagepunkten geht es um die Frage, ob ein 35-jähriger Lüdenscheider dauerhaft in einer forensischen Klinik untergebracht werden soll. Der Mann soll im Wahn in teilweise skurrilen Verkleidungen – etwa mit Polizeimütze auf dem kopf und roten Kontaktlinsen auf den Augen – Nachbarinnen in einem Wohnhaus an der Werdohler Straße terrorisiert und mit heißem Öl verletzt haben. J omo

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