Von Kindheit an zur Hohen Steinert

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Drei am Grill: Jürgen Linnepe, Thomas Wendler und Siggi Friedt kurz vor dem Kirmesstart im „Schinderhannes“.

Lüdenscheid - Die demographische Entwicklung Lüdenscheids Ende Mai ist sicher nicht nachhaltig, aber eindrucksvoll. Um rund 750 Einwohner wächst die Stadt, wenn Schausteller und Fahrgeschäfte auf der Hohen Steinert Quartier beziehen.

Unter ihnen sind Siggi Friedt mit dem „Schinderhannes“ und Thomas Wendler mit dem „Auto-Skooter“. Weil beide seit 40 Jahren nach Lüdenscheid zur Kirmes des BSV kommen, sprachen sie gestern mit dem Platzchef Jürgen Linnepe und den LN über diese vier Jahrzehnte, das Geschäft mit dem Rummel – und warum sie immer gerne kommen.

„Weltbestes Schraubengeschäft“

Für Thomas Wendler ist das – unter anderem – „das beste Schraubengeschäft der Welt.“ Wenn etwas an seinem „Auto-Skooter“ zu reparieren ist, braucht er schon mal Spezialschrauben. Die kann er natürlich irgendwo bestellen und kriegt sie irgendwann. Aber bis dahin steht das Gerät. Im Technischen Großhandel Lienenkämper liegen die im Regal, und falls der Scooter steht: Wendler hat auch eine Notfallnummer.

Auch für Siggi Friedt, der eigentlich Siegbert heißt, was aber auf der Steinert sonst keiner weiß, ist der Standort nicht nur Tradition, sondern auch praktisch. „Keine Woche ohne Hellweg“, lautet leicht seufzend bei den Schaustellern die Devise. Irgendwas geht nämlich immer mal kaputt im fahrenden Geschäft. Die Steinert-Kirmes steht auf dem Tour-Plan, seit sie als Kinder die ersten Male auf dem Rummel waren. Beide führen das Geschäft in der Familie weiter, zum „Schinderhannes“ gibt’s für Friedt sogar eine familiäre Beziehung.

Schnaps für den Räuberhauptmann

Der wirkliche Schinderhannes, von Berufs wegen Räuberhauptmann im Hunsrück, wurde 1803 in Mainz geköpft, hatte die Vorfahren der Friedt-Familie der Familienlegende zufolge aber in Ruhe gelassen. Zum Teil wohnt die Familie noch heute in der Brennerei und dem Schnapsausschank, aus dessen Hinterfenster heraus man den Räuberführer mit hauseigenen Produkten korrumpierte. 168 Jahre später gab man dem 300-Gramm-Schweinerückensteak seinen Namen. Das sind die schönen Geschichten. Und auch, dass man in Lüdenscheid schon im Regen „völlig abgesoffen“ ist, verklärt sich im Blick zurück ein paar Jahre später.

Umsätze stagnieren, Kosten steigen extrem

Doch das Tagesgeschäft ist für die mittelständischen Unternehmer mit vier oder fünf Festangestellten und einem meist veritablen Fahrzeugpark heftig. „Machen wir uns nichts vor. Die Umsätze sind gleich geblieben, aber die Kosten sind gerade in den letzten Jahren extrem gestiegen“, so Wendler, der die Lämpchen am Scooter „Brennstellen“ nennt und am Donnerstag erstmal 2500 davon ausgetauscht hat. Für Strom zahlen die Schausteller mit ihren energieintensiven Geräten auf dem Platz einen Sondertarif, natürlich über dem normaler Haushalte. Trotzdem hängen sie am Job – und Friedts Tochter übernimmt vielleicht das Geschäft. Sein Sohn ist schon bei seinem Bruder in der Branche untergekommen... - flo

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