Schweigen vor Gericht zahlt sich nicht aus

Lüdenscheid - Die Angeklagte (45) möchte lieber nichts sagen. Das ist ihr gutes Recht. Aber damit reitet sich die Steuerfachangestellte nur noch tiefer rein. Das Schöffengericht fügt das Puzzle aus Überweisungen, Rechnungen und Abhebungen mühsam zusammen.

Das fertige Bild zeigt gewerbsmäßigen Betrug in 21 Fällen in Tateinheit mit 19-facher Urkundenfälschung. Opfer ist ein 58-jähriger Gastwirt. Der ärgert sich über sich selbst. „Ich war ja so leichtgläubig.“

Juni 2013: Die vorbestrafte alleinerziehende Mutter durchblickt das System ihres neuen Arbeitgebers schnell – und trickst ihn gnadenlos aus. Als Buchhalterin hat sie Verfügungsgewalt über sein Online-Geschäftskonto. Für ihre Privatgeschäfte mit seinem Geld von einem anderen Konto fälscht sie kurzerhand seine Unterschrift auf Überweisungsträgern. Fragt der Chef sie nach Kontoauszügen, zuckt sie mit den Schultern. „Weiß nicht, wo die sind.“ Reine Verschleierungstaktik, wie der Staatsanwalt meint.

Erst vier Monate nach Beginn ihres Treibens fliegt die Sache auf. Doch da ist es bereits zu spät, der Gastronom bleibt auf einem Verlust von rund 10 000 Euro sitzen. Dafür hat seine Buchhalterin ihre Rechnungen bezahlt – an eine Versicherung, einen Rechtsanwalt, einen Ebay-Händler, einen Zahnarzt, ein Inkasso-Büro oder einen Netzbetreiber. Mehrfach taucht in den Ermittlungsakten auch ein anderer Empfänger des ergaunerten Geldes auf: ein Hotel im Phantasialand Brühl, wo die Angeklagte mit ihrer kleinen Tochter komfortabel logierte.

Die schweigsame Frau macht es ihrem Verteidiger Dominik Petereit nicht leicht. Er findet kaum einen Rettungsanker für seine Mandantin, keinen Milderungsgrund, keine nachvollziehbare Erklärung. Und plädiert für Milde und „noch einmal – wenn auch mit Bedenken – für eine Bewährungschance“.

Aber nicht nur ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft, auch ihre Vorgeschichte spricht gegen Nachsicht des Schöffengerichts unter Vorsitz von Amtsrichter Thomas Kabus. Im Juni 2012 verurteilte das Erweiterte Schöffengericht die Frau bereits zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Sie sei damals „verdammt gut weggekommen“, meint der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

Das hatte sie überwiegend ihrem umfassenden Geständnis zu verdanken. 106 Fälle der gewerbsmäßigen Untreue hatte sie sich geleistet. Den Familienbetrieb ihres eigenen Vaters hatte sie um fast 300 000 Euro betrogen, die sie für sich verbraucht hatte – unter anderem für die telefonische Lebensberatung durch eine dubiose Geistheilerin. Es gab damals zwei Jahre mit Bewährung.

Nun gibt es zweieinhalb Jahre „ohne“ – und den drohenden Widerruf der alten Bewährung, also insgesamt viereinhalb Jahre Gefängnis. Der Gastwirt aber bleibt auf seinen Verlusten sitzen.

Von Olaf Moos

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