Schwarzfahrer knapp am „Bau“ vorbei

Lüdenscheid - „Man wird mir zwar nicht glauben, aber ich möchte ein normales Leben führen.“ Das ist nach jahrelanger Heroinsucht und 16 Vorstrafen ein hochgestecktes Ziel. Aber der 28-Jährige hat es wieder mal verfehlt. Obwohl er „vielleicht die besten Absichten“ hatte, wie Strafrichterin Kristina Thies sagt – und nur die kranke Oma in Hagen besuchen wollte.

Eine Fahrt von Hagen nach Lüdenscheid kostet 9,40 Euro. Dreimal erwischen Kontrolleure den Arbeitslosen ohne Fahrschein. Die Bahn-AG erleidet also einen Verlust von 28,80 Euro und erstattet Strafanzeige. Es handelt sich „nicht um utopische Summen“, sagt die Staatsanwältin. Das Geständnis des redseligen Mannes auf der Anklagebank wirkt ebenfalls strafmildernd.

Dem steht aber eine „enorm hohe Rückfallgeschwindigkeit“ gegenüber. Am 30. September, als er zum ersten Mal im Waggon ertappt wird, ist die Haftentlassung erst fünf Tage her. Gesessen hat er zuletzt wegen Schwarzfahrens. „Er hat nichts daraus gelernt“, schimpft die Anklägerin. „Dann muss er halt wieder zurück in den Bau.“ Sie beantragt sieben Monate ohne Bewährung.

Der Angeklagte sagt angesichts der Vorwürfe: „Dazu kann ich nix sagen.“ Und erklärt dann doch wortreich, wie leid ihm das alles tut. „Ist eben alles dumm gelaufen.“ Zwei gesetzliche Betreuer des Mannes sitzen im Zuschauerraum und wollen noch kurz was erklären. Aber Richterin Thies verbietet ihnen jegliche Äußerung.

Dafür fragt sie den 28-Jährigen: „Was mache ich denn nun mit Ihnen?“ Immerhin scheine sich ja etwas zu wandeln, das Methadon-Programm laufe „wohl ganz gut“, die Geschichte mit der kranken Oma klinge glaubwürdig. Aber: „Ich möchte gar nicht wissen, wie oft Sie nicht erwischt worden sind.“ Der Angeklagte lächelt. Er muss nicht zurück in den „Bau“. Die Richterin verurteilt ihn zu sechs Monaten mit Bewährung – und 150 Stunden sozialer Arbeit.

Von Olaf Moos

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