Schwarz-rot-goldene Ramsch-Invasion

LÜDENSCHEID ▪ Dagegen ist Karneval ein müder Scherz. Und die Narren, die in den 80er-Jahren versucht haben, den Karneval in Lüdenscheid zu etablieren und die Sauerländer zu verkleiden, fragen sich wahrscheinlich, was sie damals falsch gemacht haben. Wohl nie haben Pappnasen, Luftschlangen und Piratenkostüme in den Geschäften der Kreisstadt für solch einen Umsatz gesorgt wie in diesen Tagen die Billigwaren aus dem Sortiment Schwarz-Rot-Gold.

Adressaten der dreifarbigen Fanartikel sind in erster Linie junge Leute. Menschen, die hupend in Autokorsos durch die Stadt düsen, wenn die deutsche Elf gewonnen hat. Richtige Partyteufel, die in den Kneipen die Sau ’rauslassen und aus vollem Herzen fröhlich „Deutschland, Deutschland“ brüllen, als hätte es niemals Bedenken gegeben, zu nationalistisch wirken zu können. Eine Errungenschaft des „Sommermärchens“ vor vier Jahren.

Menschen wie Christian Sprenger (21) etwa, Auszubildender zur Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen, also angehender Briefträger oder Paketbote. Christian war gestern auf Shopping-Tour und deckte sich für die heißen Wochen ein, vorzugsweise in 1-Euro-Läden, die die Artikel derzeit in Massen verschleudern.

Na gut, immer sei er nicht unterwegs, so der Lüdenscheider. „Aber die Deutschland-Spiele schaue ich mir mit Freunden entweder im Brauhaus Schillerbad oder im Reidemeister an.“ Beides Kneipen übrigens, die selbst Mannschaften beim „Lüdafrika-WM-Tipp“ stellen. Was eher zaghaft mit ein paar Fähnchen an der Autoseitenscheibe begann und sich über dreifarbige Schminke für Stirn und Wange fortsetzte, ist nun in einer breiten Produktpalette zu haben. Trikots natürlich, Fahnen mit Ärmeln, Zylinder, Winkhände, Trinkhelme, Schlüsselbänder, Hawaiiketten, Schweißbänder, Automagneten, Vuvuzelas, Tassen, Bommelhüte, Schals, Brillen, Knicklichter, aufblasbare „Bang-Bangs“ oder Schwarz-Rot-Gold-Perücken oder Socken – das alles als Einzelteile oder in fertig arrangierten Sets. Wer es also nicht nur akustisch krachen lassen will, wird keine Probleme haben, sich auszustaffieren. Dazu verkaufen Bäckereien „Weltmeisterbrötchen“ und eine Discounter-Kette sogar schwarz-rot-goldene Grillwürstchen und „Soccer-Gum“, also Weingummi. Und es gibt – extra für Fußballfans – Klopapier mit Rasenduft und natürlich extra Deo. Das hat mit Karneval wenig zu tun. Das ist eine Ramsch-Invasion. Und die kann sogar richtig Spaß machen!

Olaf Moos

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