Schutz mit rechtlichen Lücken

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Wer sich ohne elterliche Erlaubnis von einem Friseur die Haare färben lassen will, muss mindestens 16 Jahre alt sein. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Wer sich die Haare färben möchte, muss mindestens 16 Jahre alt sein. Das sieht eine EU-Richtlinie vor, mit der Jugendliche vor Allergien auslösenden Färbemitteln geschützt werden sollen. Allerdings: Eine eindeutige gesetzliche Regelung steht seit knapp einem Jahr aus. Friseure und Einzelhändler reagieren unterschiedlich auf die Empfehlung als Brüssel.

„Wir lassen uns im Zweifelsfall einen Ausweis zeigen und färben Jugendlichen unter 16 Jahren nicht die Haare – es sei denn, die Eltern sind ausdrücklich damit einverstanden“, erklärt Achim Schilling, Inhaber des Friseursalons Hair Design Schilling und Obermeister der Friseur-Innung Märkischer Kreis. Außerdem verlange er eine schriftliche Einverständniserklärung eines Erziehungsberechtigten, sagt Schilling weiter – um sich abzusichern. „Rechtlich ist nichts einwandfrei geregelt. Kommt es zu einer allergischen Reaktion, dürfte aber der Durchführer, der Friseur, dafür belangt werden.“

Auslöser: 16-Jährige stirbt an allergischer Reaktion

Im Oktober 2011 empfahl der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks per Rundschreiben, keine Haarfärbemittel bei Jugendlichen unter 16 Jahren anzuwenden. Damit reagierte der Verband auf eine bereits seit 2009 bestehende EU-Richtlinie. Diese war in Kraft getreten, nachdem in Schottland ein 16-jähriges Mädchen an einer von einem Haarfärbemittel hervorgerufenen allergischen Reaktion gestorben war.

„Es gab keinen anderen vergleichbaren Fall, wonach Haarefärben tödlich endete. Das habe ich recherchiert“, sagt Schilling, der die Richtlinie dennoch begrüßt. „Desto jünger ein Organismus ist, desto empfindsamer reagiert er. Bei Kindern und jungen Menschen ist die Haarstruktur wesentlich sensibler, und Färbemittel rauen mit kalkulierter Aggressivität die Haare auf“, erklärt Schilling. Daher sollten sich Kunden von Experten über die Risiken aufklären lassen.

Auch andere Lüdenscheider Friseure gehen auf Nummer sicher, wenn Farbe ins Spiel kommen soll. „Wir färben ohnehin nur Strähnchen. Bei Unter-16-Jährigen aber auch nur mit Einverständniserklärung der Eltern“, sagt Anong Shieler von „Head Factor“. Auch bei „Super Cut“ fragten die Betreiber bei Jugendlichen unter 16 Jahren vor dem Färben bei den Eltern nach, versichert Joti Papadopouls, der die Vorschrift für sinnvoll hält: „Schließlich enthält Haarfarbe chemische Mittel.“

Keine Ausweiskontrolle im Einzelhandel

In Drogerien und Supermärkten dagegen können sich Jugendliche problemlos mit Haarfärbemitteln eindecken – ohne ihren Ausweis vorzeigen zu müssen. „Wir dürfen diese Produkte ohne Alterskontrolle verkaufen. Unsere Bezirksleitung hat sich erst kürzlich beim Gesetzgeber vergewissert“, erklärt Sandra Korthaus, stellvertretende Leiterin der Ihr-Platz-Filiale an der Wilhelmstraße.

Die Hersteller der Haarfärbemittel sind allerdings dazu verpflichtet, auf den Packungen und den Beipackzetteln auf ein mögliches Allergierisiko und darauf hinzuweisen, dass die Produkte erst für Jugendliche ab 16 Jahren geeignet sind.

Eine Vorsichtsmaßnahme, die Achim Schilling nicht für ausreichend hält. Die Richtlinie führe vielmehr eher dazu, dass Jugendliche die Haare zu Hause selbst färben. Und das sei die eigentliche Gefahr. „Ein Fachmann färbt Haare schnell und professionell. Eine unsachgemäße Anwendung dagegen kann wesentlich eher eine allergische Reaktion verursachen.“ ▪ Sven Prillwitz

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