Schuldig und sterbenskrank: Kollekte-Räuber vor Gericht

Lüdenscheid - Was soll die Justiz mit diesem Mann (40) noch anstellen, diesem sterbenskranken Straftäter? Er hat einen Raub begangen und wohl zwei Männer mit einer Nadel gepiekst, damit sie ihn und seinen Kumpel laufen lassen.

Die Beute, rund 3000 Euro aus der Kollekte eines Gottesdienstes, haben sie in Heroin umgesetzt. Er müsste dafür ins Gefängnis. Die Anklage ist eindeutig. Aber seine Vergangenheit scheint ihn nun einzuholen. Die 9. große Strafkammer des Landgerichts braucht mehr Informationen über den Zustand des Angeklagten.

Schon zur Tatzeit – es ist der 17. August gegen 21 Uhr – ist der mehrfach vorbestrafte Drogensüchtige an der unteren Sohle der Gesellschaft angelangt. Straftaten, abgebrochene Therapie, Arbeits- und Wohnungslosigkeit und nun: ein Beschaffungskrimineller, abgemagert, kahlköpfig, mit tiefen grauen Schatten unter traurig blickenden Augen.

Den Wiedenhof kennt er schon länger. „Da bin ich mal in Therapie gewesen“, sagt er zu Richter Till Deipenwisch. Und habe auch das Büro mitgebaut. Also weiß er auch, wann und wo dort was zu holen ist. Dort, wo die Kollekte eingeschlossen wird – „manchmal um die 5000 Euro“, wie ein Zeuge sagt – bricht der Kumpel mit einem Schraubenzieher einen Rollcontainer auf. „Ich wollte eigentlich mit einer Nadel die Zahlenkombination an dem Schloss auf Null setzen, aber das hat nicht funktioniert.“

Zwei Saalordner, die während des Gottesdienstes für Ordnung sorgen sollen, erwischen die Diebe in flagranti. Es kommt zum Handgemenge, es gibt zwei Piekser, dem einen in die Brust, dem anderen in den Arm. Die Diebe fliehen und werden nun als Räuber gesucht. Der Komplize bleibt unerkannt.

Die beiden Saalordner fahren ins Klinikum. Sie fürchten, mit einer infizierten Injektionsnadel gestochen worden zu sein. So kommt die Anklage gegen den 40-Jährigen Junkie zustande. Die Blutuntersuchung zeigt: keine Infektion. Die Version des Angeklagten bleibt unwiderlegt. Er sagt: „Ich hatte extra eine Stecknadel mitgenommen, wegen des Zahlenschlosses.“ Und noch etwas entlastet ihn: Er hört auf Verteidiger Dirk Löber und nennt den Namen seines Mittäters, ebenfalls heroinsüchtig.

Viel schwerer als die Last der Schuld scheint den Angeklagten die Bürde seiner körperlichen Verfassung zu drücken. Es ist eine hartnäckige Hepatitis C, es sind Depressionen, es sind ständige Schmerzen, Bluthusten und häufiges Kollabieren, es ist Lymphknotenkrebs. Der Arzt des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg sagt: „Statistisch gibt’s nach zehn Jahren eine Überlebensrate von 50 Prozent.“ Der Patient sagt leise: „Manche Tage sind gut, andere sind halt schlechter.“

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr im Saal 247 fortgesetzt.

Olaf Moos

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