Mit vielen kolorierten Karten

Ein Schul- und Reiseatlas aus dem 18. Jahrhundert

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Die Karten sind kräftig koloriert.

Lüdenscheid - Reisen ist Alltag geworden und für ganz viele Menschen ist der jährliche Urlaub eine wichtige Erholungsquelle. Ganz anders in früheren Jahrhunderten, als selbst Wege innerhalb Deutschlands Tage dauerten und beschwerliche Kutschfahrten bedeuteten, wenn nicht gar Fußmärsche. Reisen in die Welt waren gleich ganz große Abenteuer, oft ins Ungewisse. Aus dieser Zeit stammt das neue Stück im Virtuellen Museum. Es ist ein Reiseatlas im Original aus der Zeit um 1720.

In den Bestand der Lüdenscheider Museen gelangte das Buch noch durch einen Ankauf zu D-Mark-Zeiten – als der Etat der städtischen Museen solche Erwerbungen noch zuließ. Es enthält ein Exlibris, mit dem Aufdruck „Aus meinen Büchern, H. Dohme, A. 1946“. Das lässt darauf schließen, dass der Atlas in jenem Jahr in den Besitz von Herrn oder Frau Dohme gelangte. Über den Druck des Bandes sagt dieses Ex-Libris indes nichts aus.

Der „Atlas portalis, oder Compendieuse Vorstellung der gantzen Welt in einer kleinen Cosmographie... Der Gruenenden Jugend zum Besten … “ ist ein seltener Taschenatlas. Er wurde von dem Kupferstecher, Kunsthändler und Verleger Johann Christoph Weigel (1661-1726) gemeinsam mit Johann Gottfried Gregorii als Textautor herausgegeben – und zwar als früher deutscher Schulatlas. Mit dem handlichen Format war das Buch sowohl für Schüler als auch für Reisende geeignet.

Mit Kupferstichen bebildert

Der Atlas enthält Kupferstiche nach Vorlagen von Homann und Alain Manesson Mallet. Er ist mit ausführlichen Erklärungen versehen und mit kunstvoll gefertigten Himmels-, Welt- und Erdteilkarten sowie Kartendarstellungen europäischer Länder mit kräftigem Kolorit ausgestattet. Die kräftigen Farben sind bis heute besonders auffällig an dem Band mit Karten, unter anderem aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Spanien, von den britischen Inseln, Amerika, Afrika, und Asien. Aber auch Karten von speziellen Winden sind neben den Himmelskarten sorgfältig gezeichnet. Eine Karte von Böhmen und Schlesien ist dem Buch zusätzlich beigefügt.

Der Atlas stammt aus dem Jahr 1720.

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein originales Exemplar aus dem frühen 18. Jahrhundert. Es ist aber auch bekannt, dass mehrere von Weigel herausgegebene Bücher zu den bibliophilen Kostbarkeiten des 18. Jahrhunderts zählen und einige von ihnen daher im 20. Jahrhundert als Reprints erschienen sind. Ob es auch neue Drucke dieses Atlasses gibt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Dieses Exemplar ist auf jeden Fall benutzt worden, denn es enthält einige handschriftliche Anmerkungen in alter deutscher Schrift und hat deutliche Gebrauchsspuren. Dass ein Exlibris aus dem Jahr 1946 eingedruckt ist, lässt daraus schließen, dass das Buch in diesem Jahr einen neuen Besitzer gefunden hat – möglicherweise ein Fund in einem Antiquariat, vielleicht aber sogar durch ein Tauschgeschäft in der Not nach dem Zweiten Weltkrieg.

Verlag existiert bis 1839

Erschienen ist das Original in Nürnberg, gedruckt von dem bedeutenden Nürnberger Drucker Johann Ernst Adelbulner, mit dem Weigel auch bei anderer Gelegenheit zusammenarbeitete. Der Verleger Weigel wurde seit 1714 in Nürnberger Ämterbüchern als Kupferstecher und Kunstführer bezeichnet. Er verlegte und illustrierte Bücher berühmter Autoren und Musiker wie zum Beispiel Leonardo da Vinci, Abraham a Sancta Clara oder Johann Pachelbel.

Ein berühmtes Werk, verlegt und gedruckt von fast 300 Jahren in Nürnberg.

Für den zweiten Teil des Atlas Portatilis, einem Atlas von Deutschland, wählten Weigel und Gregorii das Kartenmaterial und das Signaturensystem von Adam Friedrich Zürner als Vorlage. Ein geplanter dritter Teil mit sächsischen Ämterkarten kam nicht mehr zustande. Der Traditionsverlag Weigel existierte noch bis 1839. Einige Werke, zum Beispiel auch die kleinformatigen Landkarten aus dem zweiteiligen Atlas Portatilis, wurden ein Jahrhundert lang vertrieben.

Die kunstvoll gezeichneten und gedruckten Karten der damaligen Zeit sind etwas ganz anderes als das heute im Internet oder gedruckt verfügbare Kartenmaterial. Letzteres mag zwar im Hinblick auf Straßen, Wege und Topographie weitaus genauer und vor allem maßstabsgerecht sein, kommt aber über Gebrauchsartikel ohne künstlerischen Wert nicht hinaus – ganz anders ist da der historische Atlas zu beurteilen.

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