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Gefährliches RS-Virus: Schon mehr als 70 Kleinkinder im Klinikum Lüdenscheid

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Von: Jan Schmitz

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Das RS-Virus bereitet Kinderärzten aktuell mehr Sorgen als das Coronavirus. Viele Kinder sind in Behandlung im Krankenhaus. Die Symptome beschreibt Klinikdirektor Dr. Holger Frenzke.

Fast alle Kinder infizieren sich in den ersten zwei Lebensjahren mindestens einmal mit dem Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV). Das schützt zwar nicht vor erneuter Ansteckung, mildert aber die Symptome beim zweiten und dritten Mal. Viele Kinderkliniken berichten von zahlreichen Kindern, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Durch die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus, das sich in Deutschland aktuell wieder stärker verbreitet, in den vergangenen anderthalb Jahren waren viele Säuglinge und Kleinkinder auch vor dem RS-Virus geschützt. Jetzt tritt eine Art Nachholeffekt ein, der Eltern und Kindergartenpersonal vor Herausforderungen stellt. Dr. Holger Frenzke, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Märkischen Kliniken, beantwortet die Fragen von Jan Schmitz.

Können Sie derzeit einen vermehrten Zulauf in der Kinderstation aufgrund von RS-Virus-Infektionen feststellen?

Ja, deutlich. Etwa zwei Drittel unserer derzeitigen Aufnahmen sind auf eine RSV-Infektion zurückzuführen. Allerdings sehen wir parallel auch eine erkennbare Zunahme anderer typischer Winter-Erkältungsviren, zum Beispiel Rhinoviren.

Worauf führen Sie die erhöhte Zahl zurück?

Die Zahl nimmt ja nicht nur in Lüdenscheid zu, sondern überall in Deutschland. Ursächlich dürfte das Zusammentreffen vieler Kinder in Kita und Schule nach den Sommerferien sein. Die Kinder haben ihr Immunsystem letzten Winter durch das fast vollständige Fehlen der typischen „Winter-Infekte“ kaum trainiert. Manche Zwei- bis Dreijährigen treffen zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Infekt-Welle. Viele Kinder sind von ihrem Abwehrsystem ausgesehen quasi unvorbereitet. Das erklärt nicht nur die für die Jahreszeit ungewöhnlich hohe Zahl an RSV-Infektionen, sondern auch das zumindest einige Kinder einen schwereren Verlauf haben, als wir es sonst sehen.

Welche Symptome beobachten Sie? Müssen Sie derzeit schwere Verläufe im Klinikum behandeln?

Eine RSV-Infektion beginnt praktisch immer mit einem banalen Schnupfen. Für Säuglinge kann aber allein dieses Symptom schon gefährlich werden, da die Kinder oft nicht mehr ausreichend trinken, da sie beim Stillen oder der Gabe der Milchflasche keine Luft mehr bekommen. Schon das kann ein Grund für eine stationäre Aufnahme sein. In den ersten Lebensjahren breitet sich das Virus aber häufig auch in die Bronchien aus und verursacht dort eine Verengung, die zu Atemnot und „pfeifender Atmung, ähnlich einem Asthmaanfall führt. Besonders kritisch wird es, wenn die allerkleinsten Bronchien, die sogenannten Bronchiolen zuschwellen. Dann wird das zugehörige Lungenbläschen vom Gasaustausch abgeschnitten. Als Folge haben die betroffenen, meist noch sehr jungen Kinder, eine verminderte Sauerstoffversorgung, was mit zunehmender Dauer zur Erschöpfung der Atemmuskulatur führen kann. Mindestens die Hälfte der bei uns stationär behandelten Kinder benötigt die Gabe von zusätzlichem Sauerstoff über eine Nasenbrille. In einigen, zum Glück wenigen Fällen, war auch der Einsatz von atemunterstützenden Maßnahmen auf unserer Intensivstation notwendig.

Wie hoch ist derzeit die Zahl der Patienten, die positiv auf das RS-Virus getestet wurden?

In den letzten vier Wochen waren es schätzungsweise etwa 70 bis 80 Kinder.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in Bezug auf das RS-Virus?

Die Infektionszahlen sind aus meiner Sicht in den letzten zwei Wochen nochmals deutlich gestiegen und werden dieses wahrscheinlich vorerst auch noch weiter tun. Ein Ende der RSV-Welle ist aktuell nicht absehbar.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sind bei RS-infizierten Kindern im Klinikalltag zu beachten?

Alle Kinder, die bei uns stationär aufgenommen werden, erhalten bei klinischem Verdacht eine Testung auf das RSV-Virus. Bis zum Vorliegen des Ergebnisses, beziehungsweise bei Nachweis der Infektion, erfolgt eine Isolation im Patientenzimmer. Eine Begleitperson kann natürlich dabei bleiben. Aus Platzgründen müssen wir derzeit häufig RSV-infizierte mit ihrem jeweiligen Elternteil zusammenlegen.

Wie können Eltern Ihre Kinder vor dem RS-Virus schützen?

Das RSV-Virus verbreitet sich relativ ähnlich wie das Coronavirus SARS-CoV2, also primär durch eine Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch. Schützend sind dementsprechend ähnliche Maßnahmen wie Abstand halten und das Achten auf Hygienemaßnahmen. Problematisch ist aber natürlich, das die Einhaltung dieser Regeln insbesondere von jüngeren Kindern kaum erwartet werden kann.

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