App und Ampel für Arzneien

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Wolfgang Scholz (r.) mit Dr. Stefanie Brune und Viktor Sintschew. Im Haus der Hirsch-Apotheke an der Knapper Straße wird auch die Scholz-Datenbank geführt.

Lüdenscheid - Immer umfangreicher, immer funktionaler; das ist das Ziel der Fachredaktion der Scholz Datenbank. Der Lüdenscheider Wolfgang Scholz führt in der vierten Generation die Hirsch-Apotheke an der Knapper Straße, gegründet im Jahr 1898.

Drei Stockwerke darüber sind die EDV-Arbeitsplätze, an denen die pharmazeutische Fachkompetenz des Teams aus Apothekern und PTAs angesiedelt ist. 1,4 Gigabyte ist die Datenbank zurzeit groß. Über die Historie und den aktuellen Entwicklungsstand sprachen die LN mit Apotheker Wolfgang Scholz, dem Initiator dieses mehr als drei Jahrzehnte andauernden Projekts zur Arzneimitteltherapiesicherheit.

Wie erklärt man die Datenbank in kurzen Worten?

Wir erfassen alle Medikamente auf dem Markt und tagesaktuell, was neu auf den Markt kommt. Auf Basis der Wirkstoffe, Arzneiform und Dosierung analysieren wir mögliche Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und andere Arzneirisiken.

Und seit wann arbeiten Sie daran?

Seit 1981 mit der Publikation der „Scholz-Liste“ als Schnell-Nachschlagewerk für Ärzte und Apotheker. Etwas Vergleichbares gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Warum ist das wichtig?

Immer mehr Menschen nehmen mehrere Medikamente regelmäßig parallel und versorgen sich bei Bedarf zusätzlich selbst. Damit steigt automatisch auch das Risiko von Wechselwirkungen.

Ein Beispiel?

Der Klassiker: Der Blutverdünner „Marcumar“ und „Aspirin“ als Kopfschmerzmittel verstärken sich in ihrer Wirkung. Es kann zu Blutungen kommen, unter Umständen auch mit dramatischen Folgen.

Welche Rolle spielt dabei Ihre Datenbank?

Laien wie Fachleute können durch ein einfaches Ampelsystem erkennen, wo sich Gefahren verbergen. Und es besteht die Möglichkeit, nach Alternativpräparaten zu suchen, bei denen es keine oder geringere Risiken für Wechselwirkungen gibt. Das Optimierungssystem, das wir mit der neuesten Version der Datenbank erheblich verbessert haben, hilft dabei.

Wer setzt Ihr System denn ein?

Es sind Ärzte dabei, Krankenkassen und Beratungsdesks der Kassen, Versicherte mit elektronischen Gesundheitsakten und natürlich Apotheken. Die Datenbank ist insbesondere Bestandteil des Web-Auftritts der Apotheken-Umschau. Über deren App für iPhone und Android sind rund 13 000 Apotheken eingebunden, etwa zwei Drittel aller in Deutschland. Deren Smartphone nutzende Kunden und Patienten können diese APP kostenlos herunterladen.

Und wer profitiert davon?

In erster Linie natürlich Patienten, weil die Versorgungssicherheit steigt. Es gibt tatsächlich einen Bodensatz, der dem professionellen Sektor durch die Lappen geht, um es salopp zu formulieren.

Was heißt das?

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel erfolgen jährlich rund 300 000 Klinikaufnahmen aufgrund von Wechsel- und Nebenwirkungen. Ärztliche Experten schätzen, dass sieben Prozent aller Einweisungen arzneimittelbedingt sind. Wir haben mehr Kranke und Tote durch Arzneimittel als im Straßenverkehr – mit Kosten in Milliardenhöhe.

Ist es nicht Aufgabe des Arztes, die Folgen seiner Medikamentierung zu überblicken?

Der Arzt ist natürlich immer erster und wichtigster Entscheider bei Verordnungen. Wir wollen ihm die Möglichkeit zur Risikovermeidung leichter machen, aber auch dem beratenden Apotheker bei seinem Auftrag, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern, neuerdings auch als AMTS-Management bezeichnet.

Wie sieht das konkret aus?

In der ärztlichen Fachpresse wurde einmal das Rezept des Monats herausgestellt. Ein Patient musste nach der Klinikentlassung 22 Medikamente einnehmen. Und da wird einem Hausarzt wohl doch mulmig. Denn das bedeutet rein rechnerisch 231 mögliche Wechselwirkungen. Konsequenz: Alle Beteiligten im Prozess der Arzneianwendung brauchen hier Unterstützung.

Ist Patienten und Apotheken-Kunden das bewusst?

Nicht durchgängig. Aber das Informationsbedürfnis steigt. Auf Basis der Google Play-Daten können wir davon ausgehen, dass die App „Apotheke vor Ort“ mit der Scholz Datenbank bereits eine Million Mal heruntergeladen wurde. Die hilft neben dem Wechselwirkungscheck zum Beispiel auch, wenn mal ein Beipackzettel verloren gegangen ist. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt Verbrauchern, diesen Informationsdienst zur Medikationsprüfung zu nutzen. - flo

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